September 2012

September 2012

Im Zeitraum Mai bis Juli 2012 wurden insgesamt 271 Haiku und 23 Tanka von 68 Autorinnen und Autoren für diese Auswahl eingereicht. Einsendeschluss war diesmal der 20. Juli 2012. Jeder Teilnehmer konnte bis zu 5 Haiku oder Tanka einsenden.

Diese Werke wurden vor Beginn der Auswahl von Claudia Brefeld anonymisiert, die auch die gesamte Koordination hatte. Die Jury bestand aus Jean-Claude Lin, Matthias Korn und Werner Theis. Die Mitglieder der Auswahlgruppe reichten keine eigenen Texte ein.

Alle ausgewählten Werke (17 Haiku und 2 Tanka) sind nachfolgend alphabetisch nach Autorennamen aufgelistet – es wurden bis zu max. drei Werke pro Autor/in aufgenommen.

„Ein Haiku/ein Tanka, das mich besonders anspricht“ – unter diesem Motto besteht für jedes Jurymitglied die Möglichkeit, ein Werk auszusuchen (noch anonymisiert), hier vorzustellen und zu kommentieren.


Ein Haiku, das mich besonders anspricht

Ausgesucht und kommentiert von Jean-Claude Lin

Dämmerung

das Nähmädchen spuckt

die Nadeln aus

Gabriele Reinhard

Wie befreiend ist es nach einem Tag konzentrierter Arbeit, loslassen zu können! Der Mund ist wieder frei zum Reden, Essen, Küssen! Es ist ein ganz sinnliches Haiku, das aber ebenso fühlbar die Entspannung, die Befreiung zum Ausdruck bringt. Man fühlt förmlich wie die Lippen frei werden von dem Druck der Nadeln. Und unter dem Gesichtspunkt des Neuen, vermute ich, dass wir mit diesem Haiku tatsächlich ein ganz neues Bild haben.

Das zweite Haiku, das ich gerne hervorheben möchte ist dieses:

 

Herbstzeitlose.

Weit geöffnet die Augen

des alten Schimmels.

Volker Friebel

Ich habe zwar gleich für dessen Aufnahme votiert, doch ohne etwas bedacht zu haben, was doch das entscheidendste sein könnte. Ich habe zunächst nur die Nebeneinanderstellung von Herbstzeitlose (als Blume des Todes) und (totem, durch die weit geöffneten Augen so charakterisierten) alten Schimmel. Aber wie wäre es denn, wenn die Herbstzeitlose in den weit geöffneten Augen des Schimmels erst gesehen wurde! Ist das nicht ein grandioses Bild für diesen Moment des Todes?

Als drittes möchte ich ein Haiku erwähnen, das ich zunächst nicht für die Auswahl geeignet fand:

 

nach dem stolpern:

der vorwurfsvolle blick

auf den stein

Gérard Krebs

Mir schien das viel zu naheliegend, gewöhnlich, ja nichtssagend. Aber wie wäre es, wenn der Stolpernde den vorwurfsvollen Blick bei sich bemerkt und sich gerade darüber erschreckt, weil er über einen Gedenkstein für einen deportierten Juden gestolpert ist und über diesen Stein schimpfen wollte, dessen Existenz er aber sonst, theoretisch!, voll bejaht? So ist doch in diesem Haiku ein stärkerer Überraschungsmoment enthalten!

 

An solchen Haiku, kann man sich freuen darüber, dass diese kleine Kunst auch hierzulande gepflegt wird. Sie kann doch auch Großes oder Bedeutungsvolles zutage fördern.

Ausgesucht und kommentiert von Matthias Korn

Touchdown

dein Kopf

an meiner Schulter

Hans-Jürgen Göhrung

Dieser eine Moment … den Atem angehalten …dann … das Aufsetzen, der erste Bodenkontakt, der Ball, der die Endzone erreicht … ausatmen … erlöst … befreit …

Es ist das erste, was mir beim Lesen des Haiku durch den Kopf geht.

Touchdown – für einen Haikubeginn erst einmal ungewöhnlich, denke ich. Geht es um American Football? Touchdown, nur eine Sekunde dauert es, dieses Wort auszusprechen und ich spüre, wie sich die Anspannung löst, noch während des Sprechens, höre den Reporter im Stadion, dessen Stimme sich von Erstaunen zu Begeisterung steigert und überschlägt.

Touchdown – vielleicht ist doch eher das Aufsetzen gemeint, der Moment, wenn die Räder des Flugzeuges die Landebahn berühren, wie in der deutschen Übersetzung zu lesen ist, wenn die Erleichterung durch den Körper strömt, ein Seufzer entweicht, sich die verkrampften Hände lösen.

Touchdown.

Dann die Zäsur. Die vom Autor in den folgenden Zeilen mit knappen Worten skizzierte Geste, berührt mich. Ich erhalte die Gelegenheit, meine eigenen Erfahrungen mit dem Haiku zu verknüpfen, dem Gefühl von Vertrauen, Geborgenheit, von Kennen, Eins sein nachzuspüren.

Die Sekunde des Touchdown dehnt sich wie in Zeitlupe, der Kontakt ist hergestellt, im Bauch kribbelt es, die Protagonisten haben zueinander gefunden, langsam wird auf der Leinwand „The End“ eingeblendet. Eine Standaufnahme.

Ich erfahre nicht mehr, wie es mit beiden weitergeht. Ist es der Anfang von etwas Besonderem? Das eröffnet mir weitere Räume, schafft Assoziationen, klingt nach.

Ich möchte ihn festhalten, diesen einen Moment…

 

Ausgesucht und kommentiert von Werner Theis

 

Abendhimmel –

der Bauer zerkrümelt

eine Hand voll Erde

Hans-Jürgen Göhrung

Für ein Naturhaiku, und dieses ist eines mit fast archaischen Bildern, ist die exakte Beschreibung dessen, was der Haijin sieht, elementar. Alles, was zur Darstellung nicht nötig ist, muss dabei weggelassen werden. Dieses Zurücknehmen hinter das, was gesehen wird, ist geradezu konstituierend für ein gelungenes Haiku. Des Weiteren ist es essentiell, Raum zu lassen. Der Betrachter muss die Möglichkeit bekommen, das Bild in sich aufzunehmen und dann zu vervollständigen. Hier gelingt das wunderbar, weil das Bild sich rundet, also aufgeht, und Interpretations- und Kontemplationsraum lässt. So stelle ich mir ein ordentliches Haiku vor. Es hat mir viel Freude bereitet, diesen Text zu lesen und zu kommentieren.

 

Fußballfieber

Papa isst Schokoriegel

fürs Stickeralbum

Bernadette Duncan

Hier haben wir ein gänzlich anderen Text vor uns, der strenggenommen wohl kein Haiku, sondern eher ein Senryū ist. Heutzutage unterscheidet man nicht mehr so streng zwischen diesen beiden Spielarten des japanischen Kurzgedichtes, wobei das vielleicht daran liegen mag, dass Haiku-Dichtung schon lange nicht mehr eine rein japanische Angelegenheit ist. Als Vater zweier fußballverrückter Töchter, ja, auch das ist heute glücklicherweise anders als früher, wo man einen Sohn haben musste, um hitzige Debatten über Nationalmannschaftsspiele ausgiebig diskutieren zu können.

Das Stickeralbum gehört zu einer Europa- oder Weltmeisterschaft dazu. Und natürlich wünscht sich Sohnemann und Tochter, dass das Album komplett wird. Da muss Papa sich opfern. Dies alles schafft der Text fast spielerisch in die traditionelle 5-7-5 Form zu bringen. Der Gedankenstrich nach dem ersten Vers schafft zusammen und im Widerstreit mit den beiden Folgeversen das gesamte Bild, das eine ganze Geschichte mit einem humorvollen Augenzwinkern erzählt, also den Raum schafft fürs eigene Fertigerzählen, für das Nachspüren eigener Erfahrungen, fürs Kommentieren und in sich Schwingen lassen.


Die Haiku-Auswahl

„Hallo Josefin“

das Radio voll aufgedreht

im Rosengarten.

Johannes Ahne

„Venustransit“

vor verhangener Sonne

fliegen drei Enten.

Johannes Ahne

Gartenarbeit –

unterm Laub der Regen

von gestern

Christa Beau

Glühwürmchen –

sein Zögern zu Hause

am Lichtschalter

Winfried Benkel

Fußballfieber

Papa isst Schokoriegel

fürs Stickeralbum

Bernadette Duncan

Sommersprossen

wieder verzählt er sich …

Gerda Förster

Mittsommernacht –

im Regen der ferne Klang

einer Fiedel

Gerda Förster

Herbstzeitlose.

Weit geöffnet die Augen

des alten Schimmels.

Volker Friebel

Abendhimmel –

der Bauer zerkrümelt

eine Hand voll Erde

Hans-Jürgen Göhrung

Touchdown

dein Kopf

an meiner Schulter

Hans-Jürgen Göhrung

nach dem stolpern:

der vorwurfsvolle blick

auf den stein

Gérard Krebs

Biergarten –

der Himmel

immer blauer

Claudia Melchior

der feldweg

gesäumt von birken

in flüsterweite

René Possél

Dämmerung

das Nähmädchen spuckt

die Nadeln aus

Gabriele Reinhard

herbstlicher Wind

ich blättere

in meinem Lieblingsbuch

Gabriele Reinhard

Charterflug

das Lächeln der Stewardess

duty free

Klaus-Dieter Wirth

Nach dem Bürotag

der Amselbesprechung

im Garten lauschen

Peter Wißmann


Die Tanka-Auswahl

Ihr Kirschbäume

von Fukushima,

blüht für Die Fünfzig,

die noch da sind

und euch sehn!

Tony Böhle

Gefunden

am verborgenen Platz

Levkojen

im flirrenden Licht

das Kind mit der Gießkanne

Ilse Jacobson


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