In memoriam Marion Naumann d‘Alnoncourt

1941 – 2011

Marion Naumann d‘Alnoncourt hat Volkskunde studiert. Ihre Reisen führten sie nach Asien, u.a. Japan, in Himalaya-Länder, zur Seidenstraße, in die Mongolei. Sie beschäftigte sich 25 Jahre lang mit Ikebana und absolvierte ihre Ausbildung bis zum Sankyu Shihan der Sogetsu-Schule. Über diese Kunst kam sie zum Haiku. Sie war Mitglied der GEDOK Künstlerinnenvereinigung.

Ihre Haiku wurden in verschiedenen Anthologien veröffentlicht.

Kurz vor ihrem Tod im Jahr 2011 erschienen Haiku und Ikebana von Marion Naumann d’Alnoncourt im bibliophilen Band „Haiku“, Hamburger Haiku Verlag, ISBN 978-3-937257-64-8.


Treibholz…
Angekommen

im Ikebana

Beinah am Ziel…

im Laufschritt

zur Teezeremonie

Nekropolis –

im Steinsarg schläft

ein junger Hund

Erntefest –

sie sieht ihre Hände

die dunklen Adern

Herbstdämmerung

im Schlafbaum

flattern die Schatten

Klarer Herbstmorgen –

die Sonne ist der Spinne

ins Netz gegangen

Stumme Wirbel…

im Schneetreiben

sich selbst verlieren

Nachtexpress –

die Lichter jagen sich

in den Tunnel

Tauwetter im Park

der Saum ihres Rocks

spielt mit dem Wind

Gartenfest

im Dunkeln gluckst

der Quellstein


Mein Weg zum Haiku führte über die Kunst des Ikebana, mit der ich mich seit vielen Jahren beschäftige. In beiden japanischen „Wegen“ geht es darum, eine bisher unsichtbare Eigenschaft des Betrachteten zu entdecken und durch eine neue Zusammenstellung der Bilder, beziehungsweise des Materials, erlebbar zu machen.

Im Ikebana sind es oft wertlose Fundstücke, ein Blatt, das Blei einer Regenrinne, verrostete Metallteile, Treibholz …, deren Schönheit ich in einer neuen Ordnung aufscheinen lassen möchte.

Im Haiku sind es häufig unscheinbare Erlebnisse und Wahrnehmungen, die ich wie eine Momentaufnahme festzuhalten versuche.

Marion Naumann d‘Alnoncourt, Essen, im Februar 2011, Vorbemerkungen zu ihrem Buch „Haiku“


In memoriam

lichter Morgen …
die weißen Chrysanthemen
von Tau benetzt

Ramona Linke

 

offene Hände
gefüllt mit Blütenblättern
dem Wind hinhalten

Claudia Melchior

 

unterwegs…
der Wind zupft welke Blätter
von der Blüte

Hans-Jürgen Göhrung

 

Tasse Tee
diese Wolke
darin wird Tee

Ralf Bröker

 

aufrecht
die Tulpen im Ikebana
… du gehst

Heike Stehr

 

Morgendämmerung –
der Wellensaum berührt
deine Spur von gestern

Claudia Brefeld

 

im Ohr
ein leiser Abgesang
für eine Blüte

Inge Böffgen

 

ihr weg
der blumen und der silben
vollendet

René Possél

 

am ende
des weges
eine blume
Angelika Holweger

 

Blättertunnel
das Licht
eines weißen Schmetterlings
Helga Stania

 

Am Himmel
eine weiße Feder
der Wind trägt sie fort
Elke Bonacker

 

Reif fiel …
auf den Stufen zum See wartet
die Stille
Ilse Jacobson

 

Eine Wolke löst sich auf …
wird eins mit dem Himmel
Roswitha Erler

 

Nach langem Wandern
durch schwieriges Land Einkehr
zur langen Ruhe.

Horst Ludwig

 

Hell ein Amsellied
zum herbstverfärbten Himmel,
wo ein Stern aufgeht.

Beate Conrad


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