Kettendichtungen auf der Webseite

Ab dem Erscheinen von »SOMMERGRAS« 118 werden, wie auch im SOMMERGRAS angekündigt, längere Kettengedichte, die der »SOMMERGRAS«-Redaktion eingereicht werden, aus Platzgründen auf der Webseite der Deutschen Haiku-Gesellschaft erscheinen.

Den Anfang macht ein gendai-jûnicho von Claudia Brefeld und Gabriele Hartmann mit dem Titel:
»Hinter Glas«.

Ein gendai-jûnicho, oder auch New-Jûnicho genannt, besteht aus 12 Versen. 6 Verse sind jeweils einem Kulturbereich der Themen Kunst, Film, Literatur, Musik, Politik, Religion zugeordnet. Ferner werden 2 Verse im Gendai-Stil geschrieben: modern in Struktur, im Ton und im Inhalt, sowie 4 Verse im Shasei-Stil, d. h. vom Leben gezeichnet bzw. wie Shiki es forderte: eine Beschreibung, Skizzierung der Natur „so wie sie ist“. Besondere Bedeutung hinsichtlich der Qualität kommen den drei ersten Versen, dem hokku, dem wakiku und dem daisan sowie dem letzten Vers, dem ageku, zu.

»Hier geht es nun zu dem gendai-jûnicho »Hinter Glas« von Claudia Brefeld und Gabriele Hartmann.
Zum besseren Verständnis für Neueinsteiger in dieses Genre sind einige Erklärungen z.B. zur Themenzuordnung und Verlinkung mit aufgenommen worden.

 

Dagmar Westphal und Gabriele Hartmann

Unbeachtet am Wegrand
ein Frühlings-Kasen

Ouvertüre

Schneeregenschauer
begleiten den Pilgerstrom
der Uferschwalben

um schlanke Birkenstämme
gewunden ein blaues Band

noch nachtgrau mein Tag
die Tulpenwache steht stramm
vor Nachbars Kater

in Vaters Gesicht vertieft
sich sein Lächeln – geöffnet

das Album von einst:
Mondlicht streichelt Vergilbtes,
zitternde Hände.

Herbsttrompeten erklingen
beim Quellstein jener dunkle Ton

 

Zweiter Satz, erster Teil

Verliert sich wieder
meine Sehnsucht nach Worten
im dichten Nebel

ist etwas da, das mich trägt
und mich hält, wenn ich falle –

glänzende Augen
Schulabgänger polieren
die Stolpersteine

fliehen auf nackten Sohlen
schweigend vom Schatten umarmt

der große Zeiger
überholt        sollen wir nicht
ein wenig warten?

deine Geduld am Ende
wertfrei: weder gut noch schlecht

 

Zweiter Satz, zweiter Teil

Gewitterstimmung
hinter dem Bollerwagen
ein Männergespräch

unbeachtet am Wegrand
häutet sich die Libelle

gekräuselter Rauch
der Kommilitone lehnt sich
entspannt zurück

seine Gedanken wandern
zu jenen fernen Hügeln

Kirschblütenlippen
die sanfte Wölbung zwischen
Himmel und Erde

im Gras liegen   schauen wie
das Wolkenkuckucksheim wächst

 

Dritter Satz, erster Teil

Bunte Markisen –
der Eisverkäufer zurück
aus Italien

alte Jalousie         lausche
dem Summen einer Vespa

zu zweit um den See –
schau nur die Haubentaucher
fassen sich ein Herz

geschmiedete Ringe
allmählich werden sie enger

Zeit sich geschmeidig
zu lösen aus frostiger
Umklammerung – jetzt

verklungen ist ihr Walzer
zum Jahreswechsel ein Hoch

 

Dritter Satz, zweiter Teil

Hagelsturm zerfetzt
Wintersaaten zerfleddert
Notunterkünfte

Immergrün auf Porzellan
in ihren Blicken Neugier

wie alt wie kostbar
mag es sein so genial
der Pinselstrich

gesenkte Lider … Kerzen
verbreiten Wohlgerüche

kahler Zweig klopft an
die Dachluke – Luna schließt
den Sternenvorhang

Kastanienmehl       beim Herd
eine dampfende Quiche


Epilog

Nun ist sein Leuchten
schon blass – der Blätterteppich
bricht unterm Stiefel

geschützte Amphibien
ruhen am Saum des Waldes

die Dirigentin
hebt den Taktstock       das Tuscheln
erstarkt zum Orkan

trocknet das triefende Haar
tanzender Wiesenkinder

weiße Azaleen
neben der Tafel … ihr Kreischen
beim Buchstaben A

Sonne sei Dank – Freude fließt
aus allen Poren: es lenzt!

 

Legende

Dagmar Westphal lebt und schreibt bei Celle

Gabriele Hartmann im Westerwald

 

Ouvertüre: F, F, F, V, H/M, H

Zweiter Satz: H, V, L, L, LV, V; S, S, V, V, F/B, F

Dritter Satz: F, V, L, L, W/V, W; W/V, V, V, H/M, H

Epilog: H, V, V, F/V, F/B, F

F= Frühling, S = Sommer, H = Herbst, W = Winter,

V = Verschiedenes, L = Liebe, B = Blüte, M = Mond

 

2017 im bon-say-verlag, Gabriele Hartmann,
Ober der Jagdwiese 3, 57629 Höchstenbach

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»Hier kann der Kasen mit allen Links eingesehen werden