Haiku-International Nr. 142 (Mai 2019)

Ausgewählte Haiku

 

 

 

 

 

übersetzt (und mit Anmerkungen versehen)
von Martin Thomas

»Hier können Idee und Hintergrund zu diesem Projekt nachgelesen werden.

未知の地に / 地図の旅する / 夜長かな
michi no chi ni / chizu no tabi suru / yonaga kana

Lange Herbstnacht –
mit dem Atlas eine Reise
an unbekannte Orte

新井和生(千葉)     Arai Kazuo (Chiba)  [1]

In diesem Haiku findet sich eine gelungene Kombination von Jahreszeitenwort und Thema, welche das gezeichnete Bild plastisch vor die Augen der Leserschaft rückt. Bei der „langen Nacht“ (yonaga 夜長) handelt es sich um ein klassisches Jahreszeitenwort für den Herbst. Dieses soll den Eindruck beschreiben, dass einem die Nächte des Herbstes im Vergleich zu den kurzen Sommernächten ungewohnt lang, beinahe noch länger als die Winternächte, vorkommen. Dementsprechend fällt es nicht schwer, sich den Autor dieses Gedichts vorzustellen, wie er in einer dieser langen Herbstnächte über Landkarten gebeugt sitzt und auf dem Papier in Länder und Regionen reist, die er selbst noch nicht besucht hat. Ob es sich dabei um eine konkrete Reiseplanung handelt oder vielmehr die allgemeine Sehnsucht nach der Ferne thematisiert wird, bleibt der Phantasie der Leser*innen überlassen.

 

春昼や / 踏み切り音の / 歌ふごと
shunchū ya / fumikiri-oto no / utau goto

Frühlingsmittag –
das Signal am Bahnübergang
gleicht einem Lied

三宮麻里子(東京)     Sannomiya Mariko (Tōkyō)

Für viele dürfte das Warten an einem Bahnübergang bei heruntergelassenen Schranken eher zu den lästigen Dingen des Alltags zählen. Noch dazu, wo das akustische Signal des Läutewerks, welches auf den herannahenden Zug aufmerksam machen soll, durchaus das Potential besitzt, den Wartenden in den Wahnsinn zu treiben. Nicht jedoch im vorliegenden Haiku. An einem „Frühlingsmittag“ (shunchū 春昼) – das Jahreszeitenwort dieses Haiku – scheint das Warnsignal plötzlich gar nicht mehr so nervig zu sein. Im Gegenteil, die heruntergelassenen Schranken bieten eher die Möglichkeit, einmal kurz vom Alltag zu verschnaufen. Womöglich gleicht das monotone Läuten gar einem Wiegenlied, wo sich hinter dem Jahreszeitenwort doch auch das schläfrig-müde Gefühl eines lauen Frühlingstages versteckt. 

 

弾初や / 音やはらかき/ 古ピアノ
hikizome ya / oto yawarakaki / furu-piano

Das erste Spiel im neuen Jahr –
weich ist der Klang
des alten Pianos

清水京子(名古屋)     Shimizu Kyōko (Nagoya)

Das Repertoire an japanischen Jahreszeitenwörtern scheint beinahe unerschöpflich. Den Leser*innen von Haiku-International dürfte dies schnell klar werden, ist das Heft doch eher dem klassischen Haiku verpflichtet. Manche der Jahreswörter sind dabei auf den ersten Blick als solche erkennbar, einige halten sich eher verdeckt im Hintergrund. So auch im vorliegenden Gedicht. Hier ist es „das erste Spielen eines Instruments im neuen Jahr“ (hikizome弾初), welches die Funktion des Jahreszeitenwortes übernimmt. Dabei handelt es sich mitnichten um ein modernes Jahreszeitenwort. Früher wurde hiermit vor allem Bezug auf das Spielen klassischer japanischer Instrumente wie der Koto 琴, der Shamisen 三味線 oder der Biwa 琵琶 genommen. Mittlerweile nutzt man es jedoch auch für das Spielen moderner westlicher Instrumente. Es wird der Kategorie „Neujahr“ (shinnen 新年) zugeordnet.

 

読初は / 去年の栞の / ところより
yomizome wa / kyonen no shiori no / tokoro yori

Neujahrslektüre –
das Lesezeichen vom letzten Jahr
markiert den Anfang

和田とし子(東京)     Wada Toshiko (Tōkyō)

Neben der ersten musikalischen Tätigkeit im neuen Jahr, welche im vorangegangenen Haiku vorgestellt wurde, hat es auch die „erste Lektüre im neuen Jahr“ (yomizome 読初) in die japanischen „Jahreszeitenwörterbücher“ (saijiki 歳時記) geschafft. Die Autorin dieses Gedichts beginnt im neuen Jahr dort zu lesen, wo sie im alten Jahr aufgehört hat. Wahrscheinlich hat sie im Neujahrstrubel, der im Falle Japans vergleichbar mit dem hierzulande herrschenden Weihnachtstrubel ist, keine Zeit gefunden, um das Buch fertig zu lesen. Das Gedicht lebt insbesondere durch diese frisch anmutende Beschreibung des Jahreswechsels, der recht beschwingt daherkommt. Das Spiel mit den Jahreszeitenwörtern wird in Japan übrigens soweit getrieben, dass auch eine gleichlautende Bezeichnung für das „erste Dichten im neuen Jahr“ (yomizome 詠初) existiert.

 

村中は / 早寝早起き / 豊の秋
murajū wa / hayane hayaoki / toyo no aki

Gesegneter Herbst –
das ganze Dorf
früh im Bett und früh auf den Beinen

岩田秀夫(弘前)      Iwata Hideo (Hirosaki)

Inwieweit eine derartig beschriebene Dorfgemeinschaft noch der realen Lebenswirklichkeit entspricht, ist fraglich. Zumindest für all jene Leser*innen, die wie der Autor dieses Haiku in einer Großstadt mit rund 170.000 Einwohnern leben, dürfte das Gedicht ein wenig anachronistisch anmuten. Vielleicht ist diese Wirkung aber auch bewusst vom Autor intendiert und er möchte auf diese Weise auf alternative Lebenskonzepte aufmerksam machen. Schließlich sind die Stadt Hirosaki und ihr Umland dafür bekannt, einer der größten Apfelproduzenten des Landes zu sein. Der „reiche Herbst“ (toyo no aki豊の秋) beschreibt hierbei ein Jahr, in dem die Ernteerträge besonders üppig ausfallen, da es keine Witterungsschäden gab. Lautlich hallt vor allem das zweite Segment in den Ohren nach, welches im japanischen Original deutlich geschmeidiger wirkt als in der sperrigen deutschen Übertragung – hayane hayaoki早寝早起き („früh schlafen gehen, früh aufstehen“).

 

消えてゆく / 記憶のごとく / 散る木の葉
kiete yuku / kioku no gotoku / chiru ki no ha

Wie meine Erinnerungen verblassen
so fallen auch
die Blätter der Bäume

山戸暁子(堺)     Yamato Akiko (Sakai)

Dieses Haiku schlägt im Gegensatz zu einem Großteil der sonstigen Gedichte der aktuellen Ausgabe von Haiku-International einen sehr melancholischen Ton an. Die Autorin vergleicht das Fallen der Blätter von den Bäumen im Herbst mit dem Verblassen ihrer eigenen Gedanken und Erinnerungen. Diese scheinen sich Stück für Stück zu trüben, genauso wie die einzelnen Blätter eines nach dem anderen sanft zu Boden gleiten. Dieser sich in gemächlichem Tempo fortsetzende, zugleich aber auch unausweichliche Prozess wird im Japanischen durch die fließende Sprachmelodie unterstrichen. So besitzt das Haiku trotz der ungewissen Zukunft – was bleibt am Ende übrig, wenn alle Blätter von den Bäumen gefallen sind? – einen milden, wohlgestimmten Unterton. Bei dem zugrundeliegenden Jahreszeitenwort handelt es sich um das „abfallende Laub“ (ochiba 落葉), welches für den Winter steht und hier in der Form „fallende Blätter“ (chiru ha 散る葉) vorliegt.

 

寒鯉の / 二匹向き合ふ / 無言劇
kangoi no / nihiki mukiau / mugongeki

Schauspiel ohne Worte:
zwei Kois im tiefsten Winter
von Angesicht zu Angesicht

毬谷まりえ(東京)     Mariya Marie (Tōkyō)

Es ist wohl kein Geheimnis, dass eine große Mehrheit der Japaner*innen gerne Fisch isst. Ein Freund erzählte mir jüngst, dass ein Japaner bei einem gemeinsamen Aquariumsbesuch weniger über die Schönheit der Tiere als vielmehr über deren potentiellen Geschmack sprach. Genauso verwundert war ich, als ich beim Nachschlagen des Jahreszeitenwortes „Winter-Koi“ (kangoi 寒鯉) im entsprechenden Eintrag im Jahreszeitenwörterbuch die Anmerkung fand, dass diese besonders wohlschmeckend seien. Im obenstehenden Gedicht spielt diese Doppeldeutigkeit wohl keine Rolle. Vielmehr beschreibt die Autorin das Phänomen, dass die Kois im Winter häufig vollkommen regungslos am Grund verharren, und dies bevorzugt in der Gruppe. Die in hiesigen Gefilden beliebten bunten „Brokatkarpfen“ (nishikigoi 錦鯉) werden in Japan übrigens erst seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhundert als Zierfische gezüchtet.

 

リハビリの / 結果待たれる/ 冬景色
rihabiri no / kekka matareru / fuyugeshiki

Winterlandschaft –
warten auf
den Erfolg der Reha

楸香(兵庫)      Shūkō (Hyōgo)

Der Rehabilitationsprozess nach einem Unfall oder einer Operation gestaltet sich oft als mühsam und langwierig. Dieser Umstand wird vom Autor dieses Haiku beschrieben. Die „Winterlandschaft“ (fuyugeshiki 冬景色), die laut Jahreszeitenwörterbuch mit Einsamkeit, Verlassenheit und Trostlosigkeit assoziiert wird, unterstreicht das ungeduldige Gefühl, endlich Resultate der täglichen Übungen sehen zu wollen. Dabei kann es auch die winterliche Landschaft selbst sein, die dem im Wege steht. Schließlich sind Spaziergänge und Ausflüge im Freien bei Schneefall und Glätte nicht möglich. Das Haiku beinhaltet somit auch das sehnsüchtige Warten auf den Frühling.

 

初詣 / 今年も同じ / 願い事
hatsumōde / kotoshi mo onaji / negaigoto

Schreinbesuch zu Neujahr –
auch dieses Jahr
derselbe Wunsch

鈴木慕南(東京)     Suzuki Bonan (Tōkyō)

Zu den bekanntesten japanischen Traditionen gehört unweigerlich auch der erste Tempel- oder Schreinbesuch im neuen Jahr, bekannt als hatsumōde初詣. Gegenwärtig nehmen rund drei Viertel der japanischen Bevölkerung an diesem Brauch teil. Allein der beliebteste Schrein im Raum Tōkyō, der Meiji-Schrein (Meiji jingū 明治神宮), verzeichnet jährlich während der ersten drei Tage des neuen Jahres mehr als 3 Millionen Besucher*innen. Genutzt wird der Besuch für ein obligatorisches Neujahrsgebet und den Kauf von neuen „Talismanen“ (o-mamori お守り). Für was der Autor des vorliegenden Haiku betet, ist nicht genau zu sagen. Entweder hat sich sein Herzenswunsch bisher nicht erfüllt oder er betet auch dieses Jahr für anhaltende Gesundheit, Glück, Erfolg oder dergleichen.

 

肉筆は / 心の温み / 年賀状
nikuhitsu wa / kokoro no nukumi / nengajō

Neujahrskarte – 
die handgeschriebenen Worte
erwärmen mir das Herz

小滝眞珠雄(千葉)     Kodaki Masuo (Chiba)

Eine weitere Tradition, die anlässlich des Jahreswechsels in Japan gepflegt wird, ist das Schreiben von „Neujahrskarten“ (nengajō 年賀状), wobei schreiben mittlerweile das falsche Wort sein dürfte. Häufig werden die Grußkarten an Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen und Verwandte nämlich nicht mehr per Hand geschrieben, sondern selbst gedruckt, bei einer Druckerei in Auftrag gegeben oder gar komplett vorgefertigt gekauft und nur noch mit der entsprechenden Anschrift versehen. Hier setzt das obenstehende Haiku an. Der Autor freut sich anscheinend sehr darüber, dass er eine Neujahrskarte erhalten hat, die auch im digitalen Zeitalter noch per Hand geschrieben wurde. Mit Sicherheit ist dementsprechend auch der Inhalt kein vorgefertigter Mustertext, sondern eine persönliche Botschaft, über die man sich besonders freut. Die eigentlichen Leittragenden der Neujahrskartenindustrie sind übrigens die Postbeamten und Postboten, die jährlich dafür sorgen müssen, dass mehrere Milliarden Karten pünktlich in den Briefkästen der Japaner*innen landen.

 

[1] Die Wiedergabe der Autorennamen erfolgt unter Berücksichtigung der in Japan üblichen Voranstellung des Nachnamens vor den Vor- bzw. Künstlernamen.