Grundbegriffe

Haiku · Tanka · Tan-Renga · Haibun · Haiga · Renku-Dichtung · Renshi · Rengay

Haiku

Zur Tradition der japanischen Lyrik zählen von zwei oder mehr Partnern geschriebene Gemeinschaftsdichtungen. Ein Dichter – und dies gilt heute wie früher als besondere Ehre – beginnt mit dem sogenannten Hokku, das dann nach unterschiedlichen Regeln und vorgegebener Reihenfolge der Teilnehmer durch weitere Verse ergänzt wird. Schon früh wurden solche Hokku in eigenen Sammlungen zusammengefasst und veröffentlicht. Mit der Zeit entwickelte sich das Hokku zu einer eigenständigen Richtung der Literatur, die anfänglich als Haikai, seit Beginn des 20. Jahrhunderts als Haiku bezeichnet wurde. Wie keine andere Versform hat sich das Haiku in der Welt ausgebreitet und wird heute in allen bedeutenden Sprachen geschrieben.

Japanische Haiku bestehen meist aus drei Wortgruppen von 5 – 7 – 5 Lauteinheiten (Moren), wobei die Wörter einfach in einer Spalte aneinander gereiht werden. Im Deutschen werden Haiku in der Regel dreizeilig geschrieben. Japanische Lauteinheiten sind alle gleich lang und tragen weniger Information als Silben in europäischen Sprachen. 17 japanische Lauteinheiten entsprechen etwa dem Informationsgehalt von 10 – 14 deutschen Silben. Deshalb hat es sich mittlerweile unter vielen Haiku-Schreibern europäischer Sprachen eingebürgert, ohne Verlust des inhaltlichen Gedankengangs oder des gezeigten Bildes mit weniger als 17 Silben auszukommen.

Unverzichtbarer Bestandteil von Haiku sind Konkretheit und der Bezug auf die Gegenwart. Vor allem traditionelle Haiku deuten eine Jahreszeit an. Als Wesensmerkmal gelten auch die nicht abgeschlossenen, offenen Texte, die sich erst im Erleben des Lesers vervollständigen. Im Text wird nicht alles gesagt, Gefühle werden nur selten benannt. Sie sollen sich erst durch die aufgeführten konkreten Dinge und den Zusammenhang erschließen.

Moderne Haiku-Schulen hinterfragen nicht nur die traditionelle Form, sondern auch manche Regeln der Textgestaltung und versuchen neue Wege zu gehen.

Sommergras

ist alles, was blieb

vom Traum des Kriegers

Matsuo Bashô, 1644-1694

Tanka

Das Tanka ist die älteste japanische Kurzgedichtform. Es ist schon in den ersten Anthologien aus dem 8. und 9. Jahrhundert aufgeführt; seine Ursprünge gehen zurück ins 5. Jahrhundert.

Im Tanka werden erstmals die schon im Langgedicht üblichen Zeilenfolgen von 5 – 7 Silben in einer geschlossenen Form abgegrenzt (Metrum 5 – 7 – 5 – 7 – 7). Es diente im feudalistischen Japan der gehobenen Korrespondenz. Die Form lebte zwar immer wieder für kurze Zeit und in kunstvoller Weise auf, erlangte jedoch nie die Popularität des Haiku.

Das Gedicht gliedert sich in einen Oberstollen aus drei Zeilen und den zweizeiligen Unterstollen. Seine Beliebtheit wächst heute zusehends, weil es etwas mehr Raum bietet. Diese Tatsache sollte jedoch nicht dazu verführen, einen längeren Satz auf fünf Zeilen zu verteilen. Zwischen den beiden Teilen sollte eine inhaltliche Zäsur spürbar sein, die beide gegeneinander abhebt und die auch zusätzlich durch einen Zeilenabstand verdeutlicht werden kann. Sowohl die geschlossene als auch die gegliederte Schreibweise sind üblich.

Inhaltlich ist das Tanka ein in sich abgeschlossenes Gedicht, das an keine bestimmte Thematik gebunden ist. Der Oberstollen kann im Sinne des Haiku ein Bild oder Erlebnis darstellen, eine Bewegung in Gang setzen. Die beiden folgenden Zeilen haben die Aufgabe, das Bild zu vollenden, die Bewegung auslaufen zu lassen, das Erlebte zu deuten. Die beiden Stollen stehen also eher im Verhältnis von Frage und Antwort, Rätsel und Lösung, Aufbruch und Ankunft.

Auch für das Tanka gilt die sorgfältige Wortwahl, die Vermeidung von Reim, Worttrennungen oder Wortwiederholungen. Ein fließender Rhythmus und eine wohlklingende Sprachmelodie sind der Härte jambischer Stakkatos vorzuziehen.

Haiku, Senryu und Tanka tragen keine Über- oder Unterschriften. Die Diskussionen um diese Regelung und die Abweichungen von ihr sind so alt wie das Gedicht.

der Wind

hat heut‘ diese Würze

vom Meer

von den Dünen

von ‚er denkt an mich‘

Ingrid Kunschke

Tan-Renga

Japanisch „tanrenga“ (kurzes Kettengedicht) ist die Bezeichnung für das antike Tanka (zu 5-7-5/7-7 Moren) von zwei Autoren, das damals, bei seiner Entstehung, „renga“ (Kettengedicht) genannt wurde. Die Bezeichnung „renga“ dehnte sich aber sofort auf die längeren Kettengedichte aus, die in der Folgezeit entstanden, und so sind typische Renga Einheiten zu 2 oder 3 Versen (Mitsumono), 10, 12, 18 (Halbkasen), 20, 36 (Kasen) und mehr Versen im überlieferten System. Dabei ist jede 5-7-5-Einheit und jede 7-7-Einheit als ein geschlossener Vers anzusehen (ku).

Der erste Vers in diesen Systemen hat immer den Namen „Hokku„, der zweite waki oder wakiku, der Schlußvers ageku (vervollständigender Vers). Um die vielversigen Renga von den anfänglichen Zweistrophen-Renga zu unterscheiden, bezeichnet man letztere als Tanrenga. Die 5-7-5-Silben-Verse nennt man übrigens „Langverse“ (chôku), und die 7-7-Silben-Verse heißen „Kurzverse“ (tanku).

Kastanienbaum –

Der Fahrradkorb darunter

füllt sich mit Blüten…

auf dem Nachhauseweg ganz

behutsam um jeden Stein

Franz-Christoph Schiermeyer/ Claudia Brefeld

Haibun

„Haibun“ ist eine Zusammenziehung von „Haikai no bunshô“ und bedeutet Hai(kai)-Prosa (bun) oder Prosa im Haikai-Stil. Der Terminus kam zu Beginn des 17. Jh. auf. Diese Prosaaussagen wurden in der Form von Miszellen ,von Tagebuchaufzeichnungen oder Reisetagebüchern, Briefen, Essays u. ä. festgehalten.

Das Haibun hatte in der japanischen Literatur bereits seine Vorläufer. Vor allem die Literaturgattung „Zuihitsu“ (Miszellen) und die Tagebuch- und Reisetagebuchliteratur (Nikki, Kikô) erfreuten sich schon vor ihm großer Beliebtheit. „Zuihitsu“ bedeutet „dem Pinsel (hitsu) folgend (zui)“ und weist auf Schriften hin, die aus spontaner Eingebung Eindrücke, Erfahrungen und Überlegungen „in den Pinsel fließen lassen“ und skizzenhaft zu Papier bringen. Ein Zuihitsu kann aus einfachen Wortnotizen, Sentenzen, aber auch aus längeren Essays bestehen. Inhaltlich weist es eine thematische Vielfalt auf: Natur und Menschenleben, Gesellschaftskritik, Wissenschaft, Philosophie, Literaturtheorie usw. Gerade wegen dieser Themenvielfalt bedienten sich Schriftsteller, Gelehrte, Staatsmänner, Mönche gern dieser Form literarischer Aufzeichnung. Als klassische Meisterwerke des Zuihitsu gelten das Makura no sôshi (Kopfkissenbuch) der Hofdame Sei Shônagon (10. Jh. n. Chr.), das Hôjôki (Aufzeichnungen aus den zehn Fuß im Geviert meiner Hütte) des Kamo no Chômei (1153-1216), das Tsurezuregusa (Aufzeichnungen in Mußestunden) des Yoshida Kenkô (1283-1350) und das Kagetsusôshi (Notizen bei Kirschblüten und Vollmondnacht) des Matsudaira Sadanobu (1758-1829).

Dass ein Haibun einen hohen Anteil von Haikai aufweist, versteht sich eigentlich von selbst. So ist ein Haibun im allgemeinen eine lockere Abfolge von Haikai-Prosa und Haikai-Poesie. Die Haikai werden entweder in den Prosatext eingestreut oder schließen diesen ab. Dabei stellt das Haikai in seiner Prägnanz jeweils den lyrischen Höhepunkt des Prosatextes dar. Wie die Haibun-Literatur jedoch zeigt, muss ein Haibun nicht unbedingt ein oder mehrere Haikai aufweisen. Viele Texte kommen auch ohne dieses aus, ohne deshalb an dichterischem Wert zu verlieren.

Wie für das Haikai gilt auch für das Haibun Matsuo Bashô (1644-1694) als der erste, wenn nicht überhaupt bedeutendste Vertreter. Weitere angesehene Haibun-Schriftsteller sind u. a. Yosa Buson (1715-1783), Yokoi Yayü (1702-1783), Kobayashi Issa (1763-1827).

Für Bashô muss ein gelungenes Haibun folgende Kriterien erfüllen:

Es darf nicht vom Verstand konstruiert sein, sondern muss aus dem spontanen Erlebnis entstehen;

es soll eine geschlossene Gesamtkonzeption besitzen und dennoch nicht abschließend sein;

es muss einen prägnanten und schlichten Stil aufweisen;

Verwendung von Anspielungen auf berühmte Dichter, Gelehrter, Mönche usw. aus vergangener Zeit gelten als ein wesentliches Stilmittel.

Hinterher an der Haltestelle

Wir sind zu fünft in London. Ein befreundetes Paar, meine Kinder und ich treiben an diesem ungewöhnlich sonnigen, ja, warmen Oktobermorgen durch die Geschäftsstraßen. Und obwohl die Zeitungen von Wirtschaftskrise

schreiben, hasten die Menschen voll bepackt mit Plastiktüten zwischen all den Kaufhäusern und Cafés in diese und jene Richtung. Immer wieder stoße ich gegen ihre Kanten, rieche teures Parfüm aus nächster Näher, sage

zweimal „Excuse me“ und lass es dann. Denn niemand spricht auf diesen Boulevards.

Da, den Bus wollen wir nehmen! Ein alter Bus, einer mit offenem Plateau am Ende! Einer von denen, auf die man aufspringen kann!

Ich springe …

„Hast Du sie noch alle?“, herrscht mein Freund mich an. Nicht nur, dass ich beinahe allein davon gefahren wäre, weil ja keiner hinterher rennen könne bei diesem Trubel. Seine Frau nicht, meine Tochter auch nicht. Und ob ich mir mal überlegt hätte, dass mein Sohn mit seinen acht Jahren wohl nichts Besseres zu tun haben könnte, als seinem Vater hinterher zu springen. Gott sei Dank sei der Junge zu langsam gewesen, er habe ihn festhalten können. Ich hätte mal sehen müssen, wie entsetzt er mir hinterher geschaut habe. Und sie hätten mich nur eingeholt, weil die nächste Haltestelle keine hundert Meter weiter liege und der Bus noch immer warten müsse.

„Entschuldigung“, sage ich. Und nach einer Weile: „Ich weiß nicht, was da in mich gefahren ist.“

Hier kam ich zur Welt.

Hier starb mein Vater.

Jetzt trenne ich die Nabelschnur …

Ralf Bröker

Haiga

Wie in dem Wort haiku bedeutet hai, in dem Wort haiga „lustig“ oder „humorvoll und ga heißt ganz allgemein „ein Bild“, ein farbiges oder schwarz-weißes Bild, eine Zeichnung oder eine Graphik. Unter haiga verstehen wir die Kombination von visuellen und textlichen Elementen auf einer gemeinsamen Unterlage: einer Leinwand, einer Schriftrolle, einem Blatt Papier, einem Fächer usw.

Das Haiga ist eine Weiterentwicklung der chinesischen Nanga-Malerei, die Künstler aus China mit neuen Elementen auch in Japan verbreiteten. Die Nanga-Malerei ist geprägt vom ähnlichen Geist wie die Haiku-Dichtung.

Haiga ist eine Form der visuellen Kunst bei der Text und Bild auf einer gemeinsamen Unterlage kombiniert werden. Es koexistieren zwei Welten auf einem Malgrund und es ist an dem Künstler, den optimalen Weg zu finden, die jeweils eigenen Regeln und die eigene Ästhetik (Haiku bzw. Bild) zum Ausdruck zu bringen. Die Essentiales der Haiku-Dichtung sind bekannt – die wesentlichen Punkte , die die visuelle Kunst beschreiben, sind Farbe, Linien bzw. Pinselstriche, die Flächen, die Umrisse und die Komposition des Bildes. Für das Gesamtkunstwerk überlegt der Haiga-Künstler genau, wo und in welcher Form er den Text für das Haiku auf dem Bild platziert.

Haiku und Bild in einem Haiga sollen gleichberechtigt dargestellt werden und wirken. Der Inhalt des Textes wird umgesetzt in eine visuelle Sprache. Dabei korrespondieren Bild und Text dergestalt, dass das Bild ein eigenständiges Kunstwerk bleiben sollte und nicht zur „wörtlichen“ Illustration der Haiku-Idee wird. Ich würde sogar soweit gehen, dass das beschriebene Ereignis nicht eins zu eins abgebildet werden sollte, sondern in einer neuen Darstellung eine gemeinsame Ebene findet.

Das Bild innerhalb der visuell-textlichen Komposition reflektiert das einfache tägliche Leben mit seine komischen oder humorvollen Fassetten. Bei der Betrachtung von Bild und Haiku entfalten sich die winzigen und flüchtigen Ereignisse im leeren, unbemalten Raum. Der oder die Künstler vermeiden die Beschreibung bzw. Darstellung von überflüssigen Belanglosigkeiten.

Das Haiga definiert sich durch die selben Merkmalen wie die Haiku-Dichtung: Das Haiga ist unromantisch, sehr erdnah, unprätentiös und humorvoll, macht gerade die unspektakulären, täglichen Themen und Objekte sichtbar.

Diese Charakteristika finden sich auch wieder in der uns bekannten Terminologie:

Haikai-Geschmack, Haikai-Duft, Einfachheit, Genügsamkeit, bescheidene und einfache Lebensweise, herbe und vergehende Schönheit, Transzendenz, Vermeidung von Ordinärem und von Cleverness und Rafinement.

Haiku no kokoro (Herz und Seele des Haiku) finden wir auch im Haiga wieder.

Einfachheit, Schlichtheit Sparsamkeit und Bescheidenheit sind die Hauptmerkmale der japanischen Ästhetik:

„(…) die größte Wirkung mit den kleinsten Mitteln zu erzielen, trifft besonders auf das Haiga zu“ (Stephen Addiss)

So wie es beim Haiku eine Zweiteilung zwischen den ersten beiden Zeilen und der dritten zeile (überraschende Wendung) gibt, so entstand auch im modernen Haiga eine Zweiteilung von Haiku und z.B. digitaler Kunst. In einem Haiga erklärt weder das Haiku das Bild noch illustriert das Bild das Gedicht, sondern Haiku bzw. Bild fügen eine neue Ebene zu dem jeweils anderen künstlerischen Element hinzu. Bei einem Haiga werden Haiku und Bild zusammen präsentiert und mit den Namen des Künstlers und des poeten (oft ein und der selbe) versehen.

Wir unterscheiden heute verschiedene Haiga – Formen: das traditionelle Haiga, das zeitgenössische Haiga und das experimentelle Haiga.

Das traditionelle Haiga steht heute für eine Doppelbedeutung: Einerseits verstehen wir unter einem traditionellen Haiga eine japanische Kunstform, die mit Socho, Buson, Goshun, Shiroi und Issa ihren Anfang bzw. ihre Blütezeit erlebte und bei der als essentielles Element das Haiku in Pinsel-Kalligraphie – der Kunst des Schönschreibens – geschrieben und zusammen mit einem gemalten Pinsel Bild komponiert wurde – und was heute noch so gehandhabt wird.  Andererseits verstehen wir heute unter einem traditionellem Haiga in der nichtjapanischen Welt vor allen Dingen im Internet ein Gesamtkunstwerk eines multitalentierten Künstlerteams:

  • AutorIn
  • Haiga-KünstlerIn
  • ÜbersetzerIn in die japanische bzw. engl. Sprache
  • KalligraphIn
  • MusikerIn
  • Präsentation

Das zeitgenössische Haiga wird entweder von einem Maler-Poeten oder von zwei Personen gestaltet. D.h. ein Dichter schreibt das Haiku und ein Haiga-Künstler liefert ein Bild dazu. Die Bilder können digitale Bilder, graphische Bilder, gemalte Bilder, Fotografien (auch unter der Bezeichnung Foto-Haiku bekannt) oder Collagen sein.

Das experimentelle Haiga findet sich besonders bei Susumu Takiguchi (Kalligraphie-haiga) oder bei anderen Künstlern, die mit Verfremdungen, Kollagen und anderen Stilmitteln arbeiten.

Renku-Dichtung

Die Tradition der Kettendichtung begann vor mehr als tausend Jahren. Autoren trafen sich um zur Unterhaltung und Entspannung ein Kettengedicht zu schaffen, bei dem jeder Autor einerseits versuchte den anderen zu übertreffen, aber andererseits auch wollte, dass ein gemeinsames Gedicht entsteht, indem durch die Jahreszeiten, japanischen Landschaften gereist wurde und die unterschiedlichsten Schauplätze besucht wurden. Diese Art der höfischen anfangs seriösen Kettendichtung wurde „renga“ oder „ushin renga“ genannt. Um das 17. Jahrhundert hatte sich die Kettendichtung durch Samurai und Kaufmannstand, die den Wohlstand und Muße hatten sich dieser Kunst hinzugeben, zur „funny renga“ zur ‚Nonsen’-Kettendichtung disqualifiziert. Zu Lebzeiten Bashôs (1644 1694) und seinen Schülern wurde basierend auf alten Traditionen der Kettendichtung, ganz neue Prinzipien der intuitiven Verlinkung zwischen den Strophen, der Progression zu immer neuen Schauplätzen des Lebens und der Beachtung einer Übereinstimmung von Bild und Sprache eingeführt. Dies Art der Kettendichtung war so anders als die inzwischen geschmacklos gewordenen haikai , viel tiefer und ernsthafter, dass diese Form der Kettendichtung seit dieser Zeit „Renku“ (wörtlich: „verkettete Verse“) genannt wird. Es gibt verschiedene Längen und Formen des Renku: das Hyakuin mit 100 Strophen, das Kasen mit 36 Strophen, das Nijûin mit 20 Strophen, das Hankasen oder „Halbkasen“ mit 18 Strophen, das Shishi mit 16 Strophen das Jûsanbutsu mit 13 Strophen und das Jûnicho und Shisan mit je 12 Strophen. Die gebräuchlichste Form ist das Kasen mit 36 Strophen und soll hier näher erörtert werden. Die anderen Anwendungen des Renku sind Modifikationen der Kasenform, richten sich aber alle nach den gleichen Prinzipien von „link and shift“. Prinzipiell besteht die Gesamtstruktur des Kasen aus drei Teilen: der Einleitung, dem Prolog oder der Ouvertüre (6 Strophen) – (jo) dem Hauptsatz, der Entwicklung oder Erweiterung (24 Strophen) – (ha) und dem Schluss, der Folgerung oder dem Epilog (6 Strophen) – (kyû). Bestimmte Verse haben besondere Namen oder sind für besondere Themen reserviert. Zum Beispiel gibt es drei Vers-Positionen innerhalb des Kasen, die dem Mond und zwei, die den Blüten – traditionell den Kirschblüten – gewidmet sind. Andere Strophen beschreiben den Lauf durch die Jahreszeiten, erzählen von der Liebe oder beziehen sich auf freie Themen. Link and shift – Anschluss und Verschiedenartigkeit (von Ort, Personen und Szenerie)ist das Renku-Grundprinzip. Es wird von den beiden Schlüsselworte „link and shift“ (Anschluss und Orts- bzw. Szenenwechsel) regiert. Dabei werden die unterschiedlichsten Arten der Verlinkung bzw. der Prinzipien der Strophenverbindungen einerseits und Prinzipien der Progression (das Moving Ahead, dass Vorwärtsschreitens) und das Prinzip der Diversity, der Veränderung von Themen und Eigenschaften, beachtet. „Link“ (tsukeai) bezieht sich auf die Verbindung oder Beziehung zwischen zwei aufeinanderfolgenden Strophen; „shift“ (tenji) hat mit der Verschiedenartigkeit der Themen bzw. Gegenstände und ihren Eigenschaften und Ausformungen zu tun. „Shift“ bestimmt das stetige Voranschreiten durch verschiedene Orte und Ereignisse der Renku-Dichtung. Diese traditionellen Ideen und Gesichtspunkte gehen auf das Werk von Matsuo Bashô (1644-16949) und seinen Nachfolgern zurück. Linking-Kategorien: – object linking (mono-zuke)= Objekt-Verkettung: beinhaltet eine Gedankenverbindung zwischen den Objekten/Personen, dem Ort oder der Zeit zweier aufeinander folgenden Strophen. Zum Beispiel: Auf einen „Regenschirm“ in einer Strophe kann mit „Gummistiefel“ in der nächsten Strophe geantwortet werden. Eine Tätigkeit in einer Strophe kann weiter in der folgenden Strophe in einer anderen Zeit oder an einem neuen Ort fortgesetzt werden usw. Das kann erzählend formuliert sein, aber Objekte oder Bilder müssen in direkter Beziehung zueinander stehen. – meaning linking (imi-zuke)= Verkettung durch die Bedeutung der Wörter: realisiert eine Verkettung zweier benachbarter Strophen durch die Bedeutung der Wörter, durch Anspielung (Allusion) oder durch Zitate, geflügelte Worte, „Teekesselchen“ oder andere Wortspiele. Zum Beispiel bedeutet Schimmel in der einen Strophe ein weißes Pferd und in der nächsten einen pilzartigen Überzug auf organischen Stoffen. – scent linking (nioi-zuke) = Duft-Anschluss: Bashô vertiefte das Verkettungs-Konzept unter dem Begriff des „scent linking“, dem Duft-Anschluss. Er und seine Nachfolger teilten das scent linking in mehrere Kategorien ein. Wir sprechen grundsätzlich von Scent Linking, wenn es bei der Verbindung zwischen den Versen eher zu einer Übereinstimmung von Stimmungen und Gefühlen kommt, als zu einer rationalen Assoziation von Gedanken oder Ideen, die hinter den Versen stehen. Shift – Prinzip des Voranschreitens und der Mannigfaltigkeit: Das Verlinken von einer Strophe zur nächsten ist das Herz einer jeden Renku Komposition. Um aber Eintönigkeit und Stillstand zu vermeiden, gilt es, „progression and diversity“ (das Voranschreiten und die Mannigfaltigkeit) zu beherrschen. Das Renku lebt von den Prinzipien der Progression und der Verschiedenheit oder kurz „shift“ (tenji) genannt. Es gilt, immer vorwärts zu schreiten zu neuen Themen (siehe unten) und nicht zurückzuschauen. Progression – Moving Ahead: Die Grundidee des „Voranschreitens“ ist es, keine gleichen Erfahrungen, Gefühle oder ähnliche Themen in den wechselnden Versen zu verarbeiten. Es gilt, ein Wiederauftreten von Merkmalen bzw. Verhaltensweisen oder eine (auch örtliche) „Rückkehr“ innerhalb von drei aufeinander folgenden Versen zu vermeiden. Betrachtet werden in diesem Zusammenhang also immer drei aufeinanderfolgende Strophen: Die „jüngste“ oder letzte Strophe wird „linking verse“ (tsukeku) oder Anschluss-Vers genannt. die mittlere der drei Strophen heißt „preceding verse“ (maeku), oder Mittelstrophe und die erste oder die zuerst geschriebene heißt „leap over verse“ (uchikoshi) Übersprung- oder Rückkehr-Strophe. Der Dichter des Anschlussverses muss unbedingt eine Rückkehr (auch uchikoshi genannt) in die Welt des Leap-Over-Verses vermeiden. Das heißt, der Autor eines jeden Anschlussverses darf Worte, Themen oder Elemente benutzen, die sich auf die Themenfelder bzw. Szenerie des vorangegangenem (Mittel-)Verses beziehen. Er muss aber vermeiden, sich auf Themen des Leap-Over-Verses oder der Strophen davor zu beziehen. Diversity – Die Verschiedenheit von Themen und deren Elemente: Innen – und Außenszenen sollten nachvollziehbar wechseln und sich in den Linking – und in den Leap-Over Versen nicht wiederholen. Dieses Prinzip gilt auch für Dinge, deren Beschaffenheit, Stimmungen, Seelenzustände usw. In der Zeit der klassischen Renga-Dichtung gab es lange Listen von topics and materials, sogar von besonderen Wörtern, die erst nach einer bestimmte Anzahl von Strophen wiederholt oder die nur so und so oft innerhalb einer Renga-Dichtung benutzt werden durften. Aber diese Listen galten im Wesentlichen nur für die Dichtungen in der Renga-Tradition mit hundert und mehr Strophen. Die meisten Dichtergruppen erlauben nur das einmalige Erscheinen eines topics oder materials innerhalb eines Kasen – aber sie achten darauf, dass alle diese Themen oder wenigstens jedes Themenfeld im Kasen wiederzufinden ist. Schluss – Balance is the Key (Gleichgewicht und Harmonie beachten): Bei einer Renku-Dichtung ist es entscheidend, ein Gleichgewicht von „link“ und „shift“ zu wahren. Shift (das Prinzip des Voranschreitens und der Verschiedenheit) ist das Gerüst für die Struktur des Renku, während link (die Arten der Verkettung) das Fleisch und Blut sind, das die Qualität des Lebens beschreiben soll. Wird shift (das Prinzip des Voranschreitend und der Verschiedenheit) überbetont, laufen wir Gefahr, das eigentliche Leben und damit den Spaß an der Renku-Dichtung zu verlieren. Wird shift (das Prinzip des Voranschreitend und der Verschiedenheit) ignoriert, wird das Ergebnis monoton sein.

Renshi

Renshi ist ein Begriff für die moderne Kettendichtung, (ren – miteinander verbundenes Gedicht, shi – im modernen, formal ungebundenen Stil). Mindestens zwei oder mehr Poeten (und Übersetzer) treffen sich an einem gemeinsamen Ort zu einer persönliche Begegnung. Teilnehmer sind Dichter, die eben nicht durch die Tradition und das klassische Regelwerk der japanischen Kurzlyrik geprägt sind (im Vergleich zur Renga/Renku-Dichtung).

Die Sprache kann einsprachig oder mehrsprachig mit multikulturellem Hintergrund sein.

Die zentralen, klassischen Motive, wie Mond, Blüte, Liebe werden nicht mehr zum Strukturieren herangezogen. Die Motive der Dichtung sind das gesamte Spektrum unserer Erfahrungen, aber, um einmal den Unterschied deutlich zu machen, im wesentlichen Gedankenlyrik und nicht das Ergebnis der Beobachtung eines (Natur)-Ereignisses, abgesehen von den Einlassungen zur konkreten Begegnung vor Ort.

Minimale Geschwindigkeit: Jeder Autor steht unter einem gewissen Zeitdruck, den er mit seiner Fähigkeit zur spontanen und durch die Situation der persönlichen Begegnung bedingten originellen Kreativität beherrscht.

Keine Konkurrenz: Teamgeist verbindet die Autoren. Zentrales Anliegen ist der gemeinsame Schaffensprozeß, das Respektieren der Verschiedenheit des Mitautors.

Die Anzahl der Kettenglieder ist frei.

Die Strophenform ist frei, ungebunden, ganz selten die Tanka-Form oder die Sonett-Form.

Die Anzahl der Verse ist frei.

Die Metrik des Verses ist frei.

Verknüpfung: Der antwortende Poet greift ein Wort des letzen Verses, den vordergründigen Sinn oder die Assoziationen einer weiteren Sinnebene auf, ‘riecht’ (nach Bashô) den Duft der vorangegangenen Strophe und startet damit das nächste Kettenglied. Auch bewusst dualistische Anschlüsse werden ausprobiert. Dabei werden auch politisch-kulturelle Anspielungen aufgegriffen. Im Verlauf des neuen Kettengliedes wird aber nicht weitererzählt oder gar beim ‘Thema’ geblieben, sondern es erfolgt ein Wechsel der Assoziationen, eine unerwartete Wendung auf eine neue Thematik., ein Sprung in die Gegensätzlichkeit Jeder einzelne Schritt ist frei von dem Wunsch des Zurückkehrens. Man folgt dem Lauf und ändert den Sinn allein aus dem Wunsch vorwärts zuschreiten. Die Spur des vorangegangenen Schrittes wird verwischt und die ganz persönliche Idee des Folge-Autors zeigt in eine neue Richtung, die wieder … usw.

Rengay

Das Rengay wurde 1992 von dem US-Amerikaner Gary Gay in Anlehnung an die japanische Renku-Dichtung entwickelt. Gary Gay war seit 1991 Vorsitzender der amerikanischen Haiku-Gesellschaft. Er entwickelte diese neuartige Struktur einer Gemeinschaftsdichtung aus der Enttäuschung heraus, eine Renku-Sitzung selten während einer einzelnen Sitzung abschließen zu können und aus dem Verlangen nach einer einfachen unkomplizierten themenzentrierten Form, die ohne großes Vorwissen verwendet werden kann. „Ren“ bedeutet wie im japanischen Wort Renku „verbunden“, das Suffix „gay“ entstammt Gary Gays Nachnamen. Das englische Wort „gay“ bedeutet gleichzeitig u.a. fröhlich, lebhaft und soll den leichteren Charakter der Dichtung andeuten.

Im Unterschied zum japanischen Renku mit seiner strengen Form und dem nicht leicht zu verstehenden Regelwerk ist das amerikanische Rengay einfach konzipiert. Ein Leiter ist deshalb nicht erforderlich, alle Teilnehmer sind gleichberechtigt. Es besteht aus 6 drei- bzw. zweizeiligen Versen, die wie folgt im Wechsel geschrieben werden:

2 Beteiligte (A + B):

A-3 Zeilen • B-2 Zeilen • A-3 Zeilen • B-3 Zeilen • A-2 Zeilen • B-3 Zeilen

3 Beteiligte (A + B + C):

A-3 Zeilen • B-2 Zeilen • C-3 Zeilen • A-3 Zeilen • B-2 Zeilen • C-3 Zeilen

oder alternativ 3 Beteiligte (A + B + C):

A-3 Zeilen • B-2 Zeilen • C-3 Zeilen • A-2 Zeilen • B-3 Zeilen • C-2 Zeilen

Während im Renku das Durchschreiten eines Jahreslaufes wesentlich ist und dabei von den Teilnehmern ein möglichst weites Spektrum an Welterfahrung abgedeckt werden soll, steht das Rengay normalerweise unter einem Thema, das von vornherein festgelegt wird. Dies kann eine Jahreszeit sein, aber auch andere Inhalte wie Feuer, Wasser, bestimmte Städte oder Situationen sind möglich.

Die Überschrift des Rengay greift meistens ein Wort oder eine Wortkombination aus der abgeschlossenen Dichtung auf. Wie im Renku ist es nicht verkehrt mit Link und Shift voranzugehen, um eine größere Vielfalt an Themen und Sichtweisen zu garantieren. Der Erfinder Gary Gay sieht dies allerdings nicht als unbedingt erforderlich an. Jeder Vers könne sich auch lediglich am vereinbarten Thema orientieren, ohne auf den Vorvers zu achten. Selbst gegen die mehrfache Verwendung von bedeutungstragenden Wörtern spricht seines Erachtens nichts. Aber wie bei anderen Formen der Kettendichtung gilt auch hier: jeder Vers muss für sich alleine stehen und als solcher bestehen können. Ob ein Rengay gelungen ist oder nicht, darüber entscheidet letztlich die Qualität der Verse und ihres Zusammenspiels.

Da das Rengay von vornherein mit nur wenig Regeln versehen wurde, hat es sich in mehrere Richtungen weiterentwickelt und ist im Gegensatz zu seinen traditionellen Vorfahren prädestiniert für weitere Experimente. Beispielsweise entwickelte der holländische Haiku-Autor Max Verhart im Jahr 2000 die Variante des „mystery rengay“: Die Teilnehmer beginnen ohne vereinbartes Thema und lassen sich davon überraschen, welches sich im Verlauf der Dichtung herausschält (das erste mystery rengay von Max Verhart und Betty Kaplan trug passenderweise den Titel: Dracula’s Coffin). Autoren aus unterschiedlichen Ländern schreiben häufig mehrsprachige Rengay. Zu finden sind auch sogenannte Solo-Rengay, die von nur einem Dichter geschrieben wurden.

Insgesamt also eine offene und leicht zu erlernende Form der Gemeinschaftsdichtung, bei der die Freude am gemeinsamen Dichten und Experimentieren im Vordergrund stehen kann.

Herbstschimmer

Im hohen Ahorn

neben dem steinernen Kreuz

ein Schimmer von Rot.

Kirchuhr. In die Nachtstille

fällt klar ein erster Apfel.

Dunst in den Hügeln.

Das Auf und Ab der Körbe

zwischen den Reben.

Zum Samstagabend

zwei Weinfeste zur Auswahl.

Drohender Himmel.

Ihr Vater hält den Drachen,

doch ein Windstoß reißt ihn fort.

Danksageessen.

Im Fernsehen Football und

Feuer im Kamin.

Udo Wenzel: Vers 1, 3, 5

Horst Ludwig: Vers 2, 4, 6


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