Haiku-Workshop Wiesbaden

Herbst-Haiku-Workshop am 10.11.2019 in Wiesbaden

Beate Wirth-Ortmann

Zum achten Mal schon lud Ruth Karoline zum Haiku-Workshop nach Wi-Bierstadt ein und bereitete wieder mit viel Engagement den Tag vor. Das muss hier auch einmal gewürdigt werden: Danke, liebe Ruth Karoline, denn alles erfordert Zeit und Mühe: die Terminabsprache vor Ort, die Einladungen, die Veröffentlichungen und Anrufe etc. Am Tag des Haiku versorgte sie dann die Teilnehmer wieder mit Süßem, Kaffee, Tee, Wasser und Kuchen, kommt dergestalt vollbepackt mit dem Tagungsraumschlüs­sel und verschönert dazu die Tische mit liebevoller Dekoration. Das ist Liebe zum Haiku!

Klaus-Dieter Wirth eröffnete dann den Morgen erneut mit einer Einführung „in den Geist des Haiku aus Japanischer Sicht“. Zum tieferen Verständnis diente das Japanische Sprichwort:

„Beim Betrachten der Natur werden die Gefühle geweckt“

In der folgenden Diskussion zeigte sich durchaus, wie schwierig es für westliches Denken ist, dem uneingeschränkt zu folgen. Trotzdem konnte man sich grundsätzlich auf Folgendes einigen:

  1. sich Zeit nehmen zum Betrachten
  2. die Natur als Formgrund nehmen, die es zu beschreiben gilt
  3. der Mensch ist integrierter Teil der Natur (fühl dich wie ein Baum), wird angerührt durch die Betrachtung (kokoro), woraus die Gefühle geboren werden
  4. entscheidend sind beim Betrachten der Natur die „Sinneswahrnehmungen“, die im Haiku geäußert werden = sensuell; dem steht das Tanka gegenüber, was von „Gefühlen“ ausgeht = emotional
  5. das Haiku ist nicht „anthropozentisch“, obwohl ein dezentes „Ich“ erscheinen darf. Sonst liefe es nach strengen, klassischen Kriterien auf ein „Senryû“ hinaus, das vielmehr menschliche, auch gesellschaftliche Schwächen unverletzend und ironisch darstellt.

Dann wurde anhand von drei Beispielen der Blick auf das „Ich“ im Haiku gelenkt:

Aus stehendem Wasser

schöpfe ich

Stimmen von Fischen

 

Toshio Kimura (JP)

falsche Nummer

ich bestehe darauf

nicht Harry zu sein

 

Leo Lavery (IE)

erste Jagd

meine Beute

erschreckt mich

 

Ryan McCarthy (US)

Das japanische Haiku ist klassisch traditionell, das irische ein „Senryû“, das amerikanische „anthropozentisch“, und dieses widerspricht damit dem „Geist des Haiku“.

Der Nachmittag war den Haiku der Teilnehmer gewidmet und geprägt von guten Gedanken, Fragen, Einwendungen und Vorschlägen.

Dazu einige Beispiele, ohne den Weg von Veränderungen aufzuzeigen:

auch mein schatten

auf den herbstblättern

älter geworden

In der Dämmerung

träges Warten der Stunden

im Nebel

Fast durchsichtig

zwischen den kahlen Ästen

nur ein Nebelstreif

erster Frost

in den Händen die Sonne

reifer Äpfel

Windstille –

auf dem Wetterhahn

putzt sich ein Rabe

viel Zeit…

Fastentag –

Urlaub vom Essen

der himmel

über den leeren feldern

ungeerntet

Pilzzeit

gut gefüllte Speicherkarte

in meiner Kamera

Sonnenlicht und Wind

in der knorrigen Weide

tanzen die Schatten

Termin für den 9. Workshop: 5. April 2020 von 10 bis 16 Uhr

Ort: Alte Robert-Koch-Schule, Hofstr. 2, 65191 Wiesbaden-Bierstadt

Leitung: Klaus-Dieter Wirth

Anmeldung bei: Ruth Karoline Mieger, rkmieger@gmx.de