Haiku- und Tanka-Auswahl Dezember 2016

Es wurden insgesamt 247 Haiku und 59 Tanka von 92 Autorinnen und Autoren für diese Auswahl eingereicht.
Einsendeschluss war der 15. Oktober 2016. Diese Texte wurden vor Beginn der Auswahl von mir anonymisiert. Die Jury bestand aus Sonja Raab, Birgit Heid und René Possél. Die Mitglieder der Auswahlgruppe reichten keine eigenen Texte ein.
Alle ausgewählten Texte – 35 Haiku und 11 Tanka – werden in alphabetischer Reihenfolge der Autorennamen veröffentlicht. Es werden bis zu maximal zwei Haiku und zwei Tanka pro Autor/-in aufgenommen.
„Ein Haiku/ein Tanka, das mich besonders anspricht“ – unter diesem Motto besteht für jedes Jurymitglied die Möglichkeit, bis zu drei Texte auszusuchen (noch anonymisiert), hier vorzustellen und zu kommentieren.

Der nächste Einsendeschluss für die Haiku/Tanka-Auswahl ist der 15. Januar 2017.
Jede/r Teilnehmer/in kann bis zu fünf Texte – davon drei Haiku – einreichen. Mit der Einsendung gibt der Autor/die Autorin das Einverständnis für eine mögliche Veröffentlichung auf http://www.zugetextet.com/

Jedes Mitglied der DHG hat die Möglichkeit, eine Einsendung zu benennen, die bei Nichtberücksichtigung durch die Jury auf einer eigenen Mitgliederseite veröffentlicht werden soll. Eingereicht werden können nur bisher unveröffentlichte Werke (gilt auch für Veröffentlichungen in Blogs, Foren und Werkstätten etc.). Bitte keine Simultan-Einsendungen!
Es gibt außerdem die Möglichkeit, die Haiku/Tanka selbst einzutragen:

DHG- Webseite/Aktivitäten/Haiku-Tanka-Auswahl/Onlineformular

oder bitte senden an: auswahlen@deutschehaikugesellschaft.de

Da die Jury sich aus wechselnden Teilnehmern zusammensetzen soll, möchte ich an dieser Stelle ganz herzlich alle interessierten DHG-Mitglieder einladen, als Jurymitglied bei kommenden Auswahlrunden mitzuwirken.

Petra Klingl

 

Ein Haiku, das mich besonders anspricht

Kinderhände
voller Murmeln
Vaters Gebrechlichkeit

Ruth Karoline Mieger

Kinderhände voller Murmeln. Da höre ich ein leichtes Knirschen der Glasmurmeln in der Hand, sehe ein grünliches Schillern, fühle das behutsame Halten, weil ja die Kinderhände voller Murmeln sind, beide Hände, da muss man aufpassen, dass man nicht stolpert, kann sich nicht festhalten beim Treppensteigen. Ich spüre den Stolz des Kindes vor dem Spielen oder nachdem es das Geschenk, eben zwei Handvoll Murmeln, erhalten hat. Denn die Mutter oder der Vater würde das Kind nicht einfach mit zwei Handvoll Murmeln ausstatten, die wären schön verpackt in einem Säckchen oder einer Dose. Doch diese Murmeln sind ein wahrer Schatz!
Vaters Gebrechlichkeit. Es ist Opas Gebrechlichkeit. Der Opa dieses Kindes, so zumindest in meinem Empfinden. Gebrechlich bedeutet mager, schwach und vorsichtig sein. Behutsam mit sich umgehen, Kräfte sparen, einen warmen Tee trinken. Dass es Vaters Gebrechlichkeit ist, bedeutet, dass die Generation dazwischen, das lyrische Ich, zwar anwesend ist, aber nicht selbst zu Wort kommt. Allein diese poetische Konstruktion begeistert mich, jetzt da ich vor dem Haiku sitze und mir darüber Gedanken mache.
Das Kind kommt in meiner Vorstellung von seinem Opa oder es besucht ihn jetzt gerade, um mit ihm zu spielen. Seine Murmeln in den Händen mahnen ebenso zur Vorsicht wie Vaters Gesundheitszustand, vielleicht klingt Vaters Gebrechlichkeit hell und knöchern, ähnlich wie das Klickern der Murmeln. Murmeln und labile Gesundheit sind für das Kind und den Vater besonders wertvoll, und beides hat nicht nur wegen der Verwandtschaft miteinander zu tun. Vielleicht sind es Vaters Murmeln, mit denen er einst in staubigen Mulden auf der Gasse spielte.
Ich sehe den alten Vater vor mir, wie er am Küchentisch auf einem Tiroler Roulette-Brett, von dem die Murmeln wegen seines Randes nicht fallen können, mit seinem Enkel spielt. Ich denke angeregt darüber nach, wie und wo die beiden noch miteinander spielen könnten. Am Ende des Spiels packt das kleine Kind – Zunge schnalzend vor Vergnügen, weil es einmal gewonnen hat ¬–, die Murmeln in seine Taschen und steht vom Tisch auf, während der alte Herr nicht so schnell hochkommt. Aber der schimpft nicht über seine Gebrechlichkeit, er murmelt etwas Unverständliches, etwas wie „War schön, mit dir zu spielen. Komm doch morgen wieder!“

Ausgesucht und kommentiert von Birgit Heid

 

Späte Nachrichten
suche das Sternbild
der Taube

Angelika Holweger

Zunächst denke ich bei diesem Haiku: Weshalb schrieb der Autor/die Autorin nicht Spätnachrichten? Es wäre der geläufigere Begriff. Doch es hat wohl seinen Grund. Es sind vielleicht nicht die täglichen Spätnachrichten um 23 Uhr, sondern vielleicht außergewöhnliche, dazwischen geschobene Nachrichten. Es mögen aber auch keine Privatnachrichten auf dem Handy sein, wegen des Plurals. Ein außergewöhnliches Ereignis wird gesendet. In welche Richtung, zeigt die Taube an. Sicher eine besondere Mitteilung aus einer der Kriegsregionen. Eine traurige, negative, schlimme und aufwühlende Nachricht.
Ich schaue weg, sehe aus dem Fenster, sehe auf die Sterne, wie sie sich zu bekannten oder unbekannten Sternbildern zusammenfügen. Ich suche ein Sternbild, ein geschlossenes Muster, ein geordnetes Weltbild, indem ich auf die Sterne sehe. Sehnsucht entsteht. Ich wünsche mir Frieden auf der Welt. Ein großer Traum. Zu groß für einen Menschen, selbst für die Summe aller friedliebenden Menschen zu groß. Können die Sterne als Projektionsfläche dienen, gar das Sternbild der Taube, welches im 17. Jahrhundert eingeführt wurde? Wenn es helfen würde, das Sternbild zu bewundern, zu beschwören, könnte es dann nicht …?
Es ist eine irrationale Vorstellung, ebenso unrealistisch, wie das Sich-Wegwünschen der Kriege. Doch wenigstens herrscht dort, am Sternenhimmel, Frieden, wie es scheint. Ist die Blickrichtung hin zum bestirnten Himmel also der falsche Weg? Nur ein Fluchtpunkt? Bin ich ein Träumer, wenn ich mir am Himmel Lösungen für die Probleme dieser Welt erhoffe? Dieser spannenden Frage gehe ich eine Weile nach.
Ich meine: Einerseits – ich bin ein Fantast. Wenn ich an eine Geschichte über Jesus denke, die ich in meiner Jugend hörte: In einer Samenhandlung möchte eine Frau eine Handvoll Frieden, Glück usw. erwerben, doch der Ladenbesitzer erwidert, es gebe hier nur Samen zu kaufen. Ich muss also selber tätig werden, anstatt im Himmel nach Lösungen zu suchen, nachdem ich im bequemen Sessel die späten Nachrichten habe über mich ergehen lassen.
Doch nicht nur: Beim Blick in den Sternenhimmel ordnen sich auch meine eigenen Gedanken, Ängste, Wünsche, Vorstellungen, meine relative Größe. Ich kann mich positionieren. Hier stehe ich. Ganz klein. In diesem Moment. In dieser Nacht. Als Teil des Universums. In dieser Sekunde der Weltenewigkeit. Die Sternbilder sind meine Hilfsmittel. Ich kann mich immer wieder neu ausrichten. Neu über die unliebsamen Nachrichten und meinen Bezug zu ihnen nachdenken. Gerade auch am Bild der Taube.

Ausgesucht und kommentiert von Birgit Heid

 

Herbstböe
die alte Linde zerbirst
in tausend Stare

Gérard Krebs

Der Überraschungsmoment in der dritten Zeile trifft mitten ins Herz. Etwas in der zweiten Zeile Totgeglaubtes erwacht urplötzlich zum Leben, und das Bild der alten zerbrochenen Linde flattert davon und hinterlässt einen staunenden Leser. Die Herbstböe bringt Neues, das Leben wandelt sich, Altes vergeht, Neues entsteht. Wie das Leben eben so spielt. Der Star ist für sein schillerndes Gefieder bekannt. Es schimmert im Farbspektrum eines Regenbogens und verleiht dem Bild zusätzlich etwas Beruhigendes nach der Böe. Das Gruppenverhalten der Tiere scheint die alte Linde zusammenzuhalten, bevor sich das Bild auflöst im schwätzenden Gesang der Stare. Ein besonders gelungenes Haiku, wie ich finde.

Ausgesucht und kommentiert von Sonja Raab

 

Herbstböe
die alte Linde zerbirst
in tausend Stare

Gérard Krebs

Ich mag Herbst-Haiku. Dies hier setzt klar ein, mit dem Hinweis auf die Herbstsituation: Eine Herbstböe, die in eine alte Linde fährt. Bis hierhin ein gewohntes Bild. Das letzte Wort der zweiten Zeile kündigt schon die Volte an. Natürlich wird eine Linde nicht zerbersten, wenn der Wind in sie fährt. Aber die Überraschung und Berechtigung des Bildes vom „zerbersten“ folgt im Bild der letzten Zeile: Es ist ein Schwarm von Staren, der durch die Bö auffliegt – und so das Auseinanderfliegen, das „Zerbersten“ des Baumes vortäuscht. Es ist alles drin in diesem Haiku, was ein Haiku braucht: Das Jahreszeiten-Wort, die Beobachtung in der Natur, der überraschende Gedanke, der „Aha-Effekt“ – und mein Entzücken!

Ausgesucht und kommentiert von René Possél

 

Die Auswahl
15 Punkte konnten erreicht werden

Wollschal
ich verstricke
meine Gedanken

Christa Beau
11 Punkte

 

Erde zu Erde
die Tochter
ballt die Fäuste

Martin Berner
13 Punkte

 

Flüchtlingshetze
die Schläge
der heimischen Dorfjungen damals

Martin Berner
7 Punkte

 

Kraftlos
am Grab der Freundin
der Wind

Horst Oliver Buchholz
8 Punkte

 

Meteorschauer …
die letzten Sekunden
meiner Mutter

Cezar Ciobîcă
11 Punkte

 

die alte Eiche …
unsere Initiale
noch zusammen

Cezar Ciobîcă
11 Punkte

 

Ein Zug verschwindet –
im Sog des Tunnels
die bunten Blätter

Paul Dinter
7 Punkte

 

einsamer Waldweg
ich laufe meinem
Schatten davon

Hildegard Dohrendorf
12 Punkte

 

Kein Zuhause –
Zwerge neben dem
Wohnmobil

Taiki Haijin
8 Punkte

 

Platzregen
die Trauergemeinde wechselt
ihre Farbe

Gabriele Hartmann
7 Punkte

 

sechzig geworden
statt der jahre die freunde
gezählt

Bernhard Hauptelshofer
9 Punkte

 

Bewerbung
gegenüber zuckt
sein Augenlid

Martina Heinisch
11 Punkte

 

Dauerregen
im Garten der alten Frau
große Wäsche

Kerstin Hirsch
8 Punkte

 

Goldener Herbst
schon wieder eine Mail
von den Eltern

Anke Holtz
7 Punkte

 

beim Lächeln
fürs Selfie
eine andere werden

Anke Holtz
7 Punkte

 

späte Nachrichten
suche das Sternbild
der Taube

Angelika Holweger
8 Punkte

 

in den Schatten
der Winterlinde
fällt erstes Gelb

Friedrich Kelben
7 Punkte

 

Gartenplanung
der alte Apfelbaum
durchgestrichen

Silvia Kempen
13 Punkte

 

Herbstböe
die alte Linde zerbirst
in tausend Stare

Gérard Krebs
13 Punkte

 

Berg Athos –
jenseits der Klostermauern
verwittert die Zeit

Eva Limbach
13 Punkte

 

Nach stürmischer Nacht –
der kleine Baum überlebt
die alte Eiche.

Karina Lotz
7 Punkte

 

Kinderhände
voller Murmeln
Vaters Gebrechlichkeit

Ruth Karoline Mieger
13 Punkte

 

Silberpappel
heute im Erzählcafé
eine Zeitzeugin

Ruth Karoline Mieger
7 Punkte

 

allein –
im Fenster der Nachbarn
grinst ihr Kürbis

Eleonore Nickolay
7 Punkte

 

Erntezeit –
Dicke Mäuse
kreuzen den Weg

Petra Quintus
9 Punkte

 

Fahrt mit der Achterbahn
Der Schrei des Mädchens
duftet nach Zuckerwatte

Wolfgang Rödig
9 Punkte

 

Sein erster Schultag
Raubvogelsilhouetten
an der Glasfassade

Wolfgang Rödig
7 Punkte

 

alte Kirche –
durch ihren Stundenschlag
segelt die Möwe

Angelica Seithe
12 Punkte

 

Kreuzgang –
Weidenzweige hängen
in die Stille

Angelica Seithe
8 Punkte

 

erster Schultag
ein mädchen pflückt
kleeblätter

Helga Stania
11 Punkte

 

Walderdbeere
den Geschmack teilen
mit einer Ameise

Elisabeth Weber-Strobel
12 Punkte

 

neuer Arbeitsplatz
mit Elan in die Umkleide
ins Schweigen

Elisabeth Weber-Strobel
9 Punkte

 

Arbeitspause
im Schatten der Bäume
Holzfäller

Klaus-Dieter Wirth
12 Punkte

 

wehendes Schilf
der Teichrohrsänger hüpft
von Strophe zu Strophe

Klaus-Dieter Wirth
10 Punkte

 

stadtbummel
erst später schmerzt mich
der blick des bettlers

Peter Wißmann
10 Punkte

 

Gefragt, an welchem
Punkt in meinem Leben ich
nun sei, erzähle
ich von Schrödingers Katze
und der verschlossenen Box 

Tony Böhle
7 Punkte

 

Ihrer gedacht
irgendwo
fällt eine Tür zu
Nur kurze Zeit noch
bis zum Morgen

Horst Oliver Buchholz
11 Punkte

 

nach dem Streit
die Nacht
so leise
das Klirren des Schnees
so laut

Frank Dietrich
8 Punkte

 

Frühlingsvollmond
im Aquarium treibt
ein toter Fisch
mit großen Augen
als sähe er was

Frank Dietrich
7 Punkte

 

die sehnsucht
im flug der gänse
nach süden
die nacht voller
gedanken

Gregor Graf
8 Punkte

Beim Treckertreff
dröhnt Freiheit
aus dem Auspuff
Opas Grinsen
vorm Eiswagen 

Taiki Haijin
7 Punkte

 

Ja, bleiben!
Der Himmel spiegelt sich
in den dunklen Brillengläsern.
. . . und wir atmen
die Farben des Flusses

Ramona Linke
11 Punkte

 

Dörfliches Idyll
Hier, wo jeder jeden kennt,
lässt es sich leben
Er hat vom Tod des Nachbarn

aus der Zeitung erfahren

Wolfgang Rödig
8 Punkte

 

Ende
der Nacht
Nebel
zeichnet den Klang
des Baches

Helga Stania
11 Punkte

 

 

 

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