Haiku im Kloster

Kloster Kirchberg DSCF0308

Foto: Mathias Kunz

Bericht von einem Workshop

Nebeldunst und kühler Wind – wer ein solches Wetter erwartet hatte, wurde beim Workshop „Haiku & Wandern“ enttäuscht. Auf die 15 Teilnehmer warteten nämlich bei ihrem Aufenthalt im Kloster Kirchberg stattdessen fast frühlingshafte Temperaturen und ein strahlender Himmel – im November! Die Heimat- und Wanderakademie, eine gemeinsame Einrichtung von Schwäbischem Albverein und Schwarzwaldverein, hatte zu einem zweieinhalbtägigen Workshop in das zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb gelegene Kloster eingeladen. Unter Leitung von Peter Wißmann und Volker Friebel wollte man sich hier zu Skizzen anregen lassen und diese zu Haiku entwickeln. Überraschenderweise hatten sich nicht nur Anfänger auf dem Gebiet des Haikuschreibens zu dem Workshop angemeldet, sondern auch eine Reihe ‚alter Hasen‘ aus den Reihen der DHG. Wird diese Mischung funktionieren? Diese Frage stand bei der ersten Kennenlernrunde am Freitagabend im Raum. Beim Feedback am darauffolgenden Sonntagmittag wurde sie dann einhellig beantwortet: Sie funktioniert gut!

Und so machte man sich denn am Samstagvormittag zu einer gemeinsamen Wanderung rund um das Kloster auf. Eindrücke sammeln, sich Notizen machen oder auch schon kleine Haikuskizzen entwerfen – so lautete der Auftrag an die Teilnehmenden. Und spannende Einrücke konnte man viele gewinnen, sei es bei den klösterlichen Fischteichen, beim Anstieg auf der Himmelleiter, dem weiten Bick zur Burg Hohenzollern oder bei dem alten jüdischen Friedhof mitten im Wald. Als man sich am Nachmittag im Klostergarten zusammensetzte, gab es dann auch viel Stoff, an dem man arbeiten konnte. Erste Haikuentwürfe wurden gemeinsam angeschaut, besprochen und weiterentwickelt. Mit Staunen ließ sich verfolgen, wie aus einer anfangs vielleicht noch blassen Textsequenz plötzlich ein Haiku wurde. Was am Vorabend für manchen noch pure Theorie geblieben war, wurde nun plastisch: Das also ist mit Konkretheit und mit Gegenwärtigkeit des Haiku gemeint! So kann ich eine Zeile entschlacken und auf die wesentliche Aussage konzentrieren! Das also ist der Unterschied zwischen einer Beobachtung und einer Meinungsäußerung! Die Arbeit an den Texten machte allen Beteiligten viel Spaß und wurde auch nach einer weiteren kleinen Wanderung zum Wandbühl mit seinem fantastischen Ausblick ins weite Land intensiv fortgesetzt. Als man sich schließlich am Abend in der „Apotheke“ des Klosters zu einem Bier oder Wein zusammensetzte, war jedenfalls viel ‚Haikulastiges‘ entstanden.

Die unwahrscheinliche Stille des Klosters am Sonntagmorgen ließ den einen oder anderen endlich einmal entspannt schlummern. Wer jedoch recht früh im Klostergarten oder auf dem Nonnenfriedhof unterwegs war, konnte im Morgenlicht Workshopteilnehmer entdecken, die sich den Sonnenaufgang über Tal, Wäldern und Bergen nicht entgehen lassen wollten. Wer weiß, wie viele Haiku an diesem Morgen das Licht der Welt erblickt haben mögen!

Stand der Vortag ganz im Zeichen des Arbeitens an eigenen Texten, beging man den Sonntagvormittag – nach einer kleinen Wanderung natürlich – mit dem Vorlesen und Besprechen von Haiku alter und neuer Meister aus Japan und aus anderen Ländern. Auch hier wurden noch einmal Gestaltungsprinzipien des Haiku plastisch nachvollziehbar. Bevor sich nach dem Mittagessen die Teilnehmer aus Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Berlin wieder auf den Heimweg machten, gab es noch eines zu besprechen: Wie geht es weiter? Was wird aus den ersten Gehversuchen der neuen Haikuschreiberinnen und -schreiber? Das Ergebnis: Diese sind herzlich eingeladen, ihre weiteren Versuche an die beiden Workshopleiter zu senden und sie kommentieren zu lassen. Und wer es intensiver wünscht und gerne noch einmal ein paar intensive Haiku-Tage im Kloster erleben möchte, der hat im kommenden Jahr dazu Gelegenheit. Vom 21. – 23. Oktober 2016 heißt es dann wieder: Haiku & Wandern im und rund um das Kloster Kirchberg.

Peter Wißmann

Jeder der Teilnehmer steuerte aus dem Repertoire seiner während des Seminars entstandenen Werke einen Baustein für die folgende Sequenz bei:

 

»Im jambischen Flug«

Herbst-Sequenz

 

Blätterwind
Am Albtrauf lagern
Wolken                                       
                                          Volker Friebel

Gepräche mit Fremden
Spiegelungen im See               
                                         Gabriele Hartmann

hohe Buchen
die rhythmische Bewegung
eines Rechens                             
                                          Christian Stocker

täglich etwas blonder
der Ginkgo                                    
                                          Brigitte ten Brink

am Klosterteich
Oblaten im Herbstlaub
ich glaub’s nicht                          
                                         Norbert Kraas

Tanne, Fichte – alles reiht sich
Weihnachten kommt                     
                                         Dagmar Kilian

Wolken wandern
Schatten
streicheln das Feld                      
                                         Petra Klingl

Blätter rieseln
auf den Baumwurzelsteg              
                                        Helga Schulz Blank

Klostergarten
der Hagebutten-Apfelbaum
verwirrt                                        
                                        Petra Schütt

Blick zurück – Blick nach vorn
mittendrin: ich                               
                                       Sandra Guillen

dort drüben an der
Birke herbstverloren
ein Regenbogenschal                   
                                       Peter Wißmann

Buchenblätter am Boden
mit Perlen besetzt                        
                                       Paula Rapp

er schildert ihr
den November, entzündet dann
das Grablicht                               
                                      Georges Hartmann

Jüdische Gräber
Moos löscht die Geschichte aus    
                                      Elisabeth Weber-Strobel

lachende Dichter
im jambischen Flug
flieht ein Specht                            
                                      Mathias Kunz

Am Sonntagmorgen kam Angelika Holweger ins Kloster und verbrachte die noch verbleibende Zeit zusammen mit der Gruppe.

Novembernacht
Vater besucht mich
im Traum
                                      Angelika Holweger

 

 

  1 comment for “Haiku im Kloster

  1. Klingl, Petra
    16. November 2015 at 12:07

    So war es. Ein wunderschönes und lehrreiches Wochenende. Vielen Dank an die Veranstalter und die Teilnehmer für das harmonische Beisammensein in „Klosterathmosphäre“!

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