Erste Anthologie zum modernen japanischen Haiku in deutscher Sprache

Es gehört unbestritten zu den erfolgreichsten Kulturexporten Japans – das Haiku, die „kleinste poetische Gattung der Welt“, wie es oft genannt wird, und hat mittlerweile auch außerhalb Japans eine große Gefolgschaft und Eigenständigkeit in vielen Sprachräumen gefunden. Berühmte Dichter, allen voran der eigentliche Begründer dieser Dichtkunst, Matsuo Bashô (1644–1694), sind auch im deutschsprachigen Raum vielen Menschen vertraut. Das moderne Haiku, wie wir es heute kennen, hat in Japan eine lange Entwicklung hinter sich. Die Lücke zwischen dem „klassischen“ Haiku und der Gegenwart zu schließen, ist das zentrale Anliegen der drei Übersetzer der vorliegenden Anthologie. Denn die Neuerungen, die ziemlich genau mit der Jahrhundertwende zum 20. Jh. beginnen, sind enorm: Nicht mehr die altertümliche Schriftsprache, sondern das aktuelle Alltagsjapanisch bildet die Grundlage des Dichtens. Und auch von den traditionellen Themenkreisen wie Naturphänomene und Landschaft lösen sich die Dichterinnen und Dichter: Wir finden nun Gedichte zur Politik, aus der Arbeitswelt, über Freizeit bis hin zum Sport, und schließlich die zwischenmenschlichen Beziehungen in allen Facetten – war es doch kaum denkbar für einen Dichter der klassischen Zeit, Haiku als Teil der eigenen Biographie zu dichten, wie es heute selbstverständlich geschieht! Verstärkt aufgegriffen werden auch Themen aus den Bereichen Familie und Alltagsleben, vielfach aus der Sicht der Frau – auch das ein Novum, da Frauen in der traditionellen Haiku-Dichtung nur selten aktive Teilnahme erlaubt war. Weitere Themen, die sich immer wieder finden, sind die Erfahrung von Krankheit, Krieg oder Gefängnis – auch hier beeindruckt die Offenheit, zum Teil Schonungslosigkeit, mit der das eigene Leiden oder der körperliche Verfall beschrieben und zugleich in einen ästhetischen Erfahrungszusammenhang gestellt werden. Mit der Konzentration auf die entscheidende Phase der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der sich das moderne Haiku erstmals in Japan als Kunst einer breiten Bevölkerung etablieren konnte, werden Haiku von 81 Dichtern präsentiert, und so vermittelt diese Gedichtanthologie zugleich einen unerwarteten Einblick in das Leben und Empfinden während der dramatischen Phase der Öffnung und Modernisierung des Landes. Die ausgewählten Gedichte lassen erahnen, mit welcher Begeisterung die neuen Freiheiten des Dichtens aufgegriffen wurden.

 

Klingel am Bahnübergang,

aus tiefem Nebel,

wie leichtes Zirpen …

Abe Midorijo (1886–1980)

 

Das Gras knallgrün –

die Kuh wendet sich ab

Nakatsuka Ippekirô (1887–1946)

 

Nach heißem Wortgefecht

geh’ ich durch die Straßen,

verwandle mich in ein Motorrad.

Kaneko Tôta (1919– )

 

Wintertag

in der Einzelzelle – an meine Hand

klammert sich eine Fliege.

Akimoto Fujio (1901–1977)

 

Die drei Übersetzer waren lange Jahre als Professoren der Hamburger Japanologie tätig und haben sich auch durch die Vermittlung und Übertragung japanischer Literatur verdient gemacht. Oscar Benl ist neben Übersetzungen moderner Schriftsteller wie Inoue Yasushi vor allem für seine Übertragung der berühmten „Erzählung vom Prinzen Genji“ (Genji monogatari) bekannt. Géza S. Dombrady hat sich um das klassische Haiku, besonders Bashô, verdient gemacht. Roland Schneider entdeckte schon früh Gegenwartslyrik als einen Spiegel der Alltagswelt. Die Anthologie wird durch biographische Notizen zu allen Dichtern, die Originaltexte sowie eine Einführung vervollständigt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit den Sternen nächtlich im Gespräch …: Moderne japanische Haiku; übersetzt von Oscar Benl, Géza S. Dombrady und Roland Schneider; hrsg. von Elisabeth Schneider und Jörg B. Quenzer. Gossenberg: Ostasien Verlag, 2011. Preis: 18.80

 

 

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