Dezember 2013

Haiku- und Tanka-Auswahl Dezember 2013

Im Zeitraum August bis Oktober 2013 wurden insgesamt 319 Haiku und 20 Tanka von 78 Autorinnen und Autoren für diese Auswahl eingereicht. Einsendeschluss war der 15. Oktober 2013. Jeder Teilnehmer konnte bis zu 5 Haiku oder Tanka einsenden.

Diese Werke wurden vor Beginn der Auswahl von Claudia Brefeld anonymisiert, die auch die gesamte Koordination hatte. Die Jury bestand aus Fried Schmidt, Brigitte ten Brink und Peter Wißmann. Die Mitglieder der Auswahlgruppe reichten keine eigenen Texte ein.

Alle ausgewählten Werke (37 Haiku und 3 Tanka) sind nachfolgend alphabetisch nach Autorennamen aufgelistet – es wurden bis zu max. drei Werke pro Autor/in aufgenommen.

„Ein Haiku/ein Tanka, das mich besonders anspricht“  –  unter diesem Motto besteht für jedes Jurymitglied die Möglichkeit, ein Werk auszusuchen (noch anonymisiert), hier vorzustellen und zu kommentieren.

 

Der nächste Einsendeschluss für die Haiku/Tanka-Auswahl

ist der 15. Januar 2014.

 

Es können nur bisher unveröffentlichte Werke eingereicht werden. Keine Simultaneinsendungen.

Da die Jury sich aus wechselnden Teilnehmern zusammensetzen soll, möchte ich an dieser Stelle ganz herzlich alle interessierten DHG-Mitglieder einladen, als Jurymitglied bei kommenden Auswahl-Runden mitzuwirken.                                 Claudia Brefeld

 

 

 

Ein Haiku, das mich besonders anspricht

Ausgesucht und kommentiert von Fried Schmidt:

 

Schreibblockade

selbst in Delphi

nur Zikaden

 

Elisabeth Weber-Strobel

 

Zugegeben: Es ist mir nicht leicht gefallen, gerade diese drei Zeilen als mein persönliches Best-of-Haiku der vorliegenden Auswahl vorzustellen. Als bekennender Vertreter der „reinen Lehre von den 17  Silben“ muss mich ein kürzerer Text schon mächtig beeindrucken, um die volle Punktzahl zu erhalten. Außerdem hatte die Jury wieder einmal die Qual der Wahl, aus der Fülle der Einsendungen, bei denen oft nur Nuancen den Ausschlag geben, den Primus inter Pares herauszufinden.

Aber: Immer wieder haben wir das Glück, ein Haiku zu finden, dass uns auf den ersten Blick gefällt, so ganz gefühlsmäßig, unbewusst, aus dem Bauch heraus – und das dann, mit zunehmender Analyse, doch ein wenig verblasst, den Glanz des Einmaligen und Neuen verliert.

In diesem Fall ist es anders: Der erste Eindruck hat nicht getäuscht, auch nach dem zehnten, zwölften Lesen wird das Haiku nicht schwächer. Im Gegenteil, es gewinnt zunehmend an Tiefe. Ein großartiges Bild in 6 schlichten Wörtern. Keine Silbe zu viel. Was sollte man daran ändern?

Schreibblockade

Das Halloween aller Literaten. Nächtelanges Sitzen vor einem weißen Blatt, Rotwein und Zigaretten. Ruheloses Wandern zwischen Schreibtisch, Küche und Papierkorb. Wochen voller Zweifel, Hoffnung  und Zweifel. Das Grauen hat viele Gesichter.

selbst in Delphi

Das selbst hat mich endgültig überzeugt. Die  Flucht vor der Schreibblockade  –  ein spektakulärer Ortswechsel soll helfen. Delphi. Der klassische Ort für Eingebungen. Der Mittelpunkt der Welt am Parnass, Heimat der Musen, speziell der Lyrik. Eine vertraute griechische Landschaft, angefüllt mit der Erinnerung an gelungene Texte. Wenn nicht hier, wo sonst kann der Bann gebrochen werden?

nur Zikaden

Aber selbst hier, trotz des phantastischen Panoramas und der Reminiszenzen an bessere Zeiten, werden keine kreativen Gedanken mehr frei. Die Zikaden bleiben Zikaden und als banales Jahreszeitenwort für einen Sommerurlaub letztlich ein Symbol des Scheiterns. Bonjour, tristesse, wenn einem in und zu Delphi nicht mehr einfällt. . .  Schreibblockade pur.

Anschaulicher lässt sich das Thema wohl kaum umsetzen. Form und Inhalt entsprechen sich. Die Kürze und der Einsatz von Allerweltsbegriffen spiegeln in diesem Haiku gekonnt  die anhaltende sprachliche Verarmung des Dichters, sein literarisches Verstummen wider. Zikaden nur.

Es geht also auch unter 17 Silben . . .

 

 Ausgesucht und kommentiert von Brigitte ten Brink:

da liegt die zeit

rädchen und unruh

aus dem gefüge

 

Sylvia Bacher

 

Ich lese dieses Haiku und mein erster Gedanke ist, wieso liegt da die Zeit? Und dann wird mir klar, der Begriff „Zeit“ wird in diesem Haiku  auch als Synonym für „Uhr“ verwendet.
Die Mechanik der Uhr, „rädchen und unruh“,  ist „aus dem gefüge“ geraten, mit anderen Worten, die Uhr ist kaputt.
Mein zweiter Gedanke ist, die Zeit existiert und umgibt mich doch weiterhin, auch wenn diese eine Uhr nicht mehr funktioniert.
Die Worte klingen in mir nach. Ich lese noch einmal und sehe nicht nur die beschädigte Uhr vor mir, ich fühle mich mit dem Thema „Zeit“ konfrontiert, in seiner gesamten Komplexität, eben weil die erste Haikuzeile nicht `die uhr ist kaputt´ lautet, was von der Silbenzahl auch ins Schema gepasst hätte, doch für ein gutes Haiku ohne Zweifel  zu einfallslos, oberflächlich und eindimensional gewesen wäre, sondern „da liegt die zeit“. Das ist viel spannender und geht weit über die Tatsache der kaputten Uhr hinaus.
Die Zeit verbindet den konkreten Augenblick und die Dinge, die sich in ihm befinden, mit der Vergangenheit, der Zukunft und der Welt und auch der Uhr wird  ein Platz in diesem Gefüge zugewiesen. Im Zeitalter der Digitalisierung ist diese Art, die Zeit anzuzeigen, fast schon altmodisch und so liegt die Zeit vor mir wie in einem Museum und wirkt auch ein wenig wie weggeworfen. „da liegt die zeit“, wie so vieles, was nicht mehr weiterverwendet wird, weil es repariert werden müsste oder weil die Technik, die Weiterentwicklung vorangeschritten ist und „bessere“ Produkte geschaffen hat. Welchen Wert hat die Zeit? Wie gehen wir mit der Zeit um? Nutzen wir sie? Lassen wir sie verstreichen? Hinsichtlich des Klimawandels und der Entwicklung und Nutzbarmachung erneuerbarer Energien eine wichtige Frage. Welchen Stellenwert nimmt die Zeit in unseren Lebensläufen ein, welchen weisen wir ihr zu? Auf diese Fragen hat jeder Mensch seine ganz individuellen Antworten und in diesem Sinne ist „Zeit“ auch ein individuelles Phänomen. Jeder Mensch  hat sein spezielles Verhältnis zur Zeit und sein Verständnis von Zeit und nutzt sie entsprechend.
Dies alles sind aber nur Teilaspekte. Wichtiger erscheint mir, dass die Zeit per se das Thema dieses Haiku ist. Dieser Gedanke verbirgt sich für mich hinter dem konkreten Bild der funktionsuntüchtigen Uhr. Die Uhr kann ihre Aufgabe, die Zeit anzuzeigen, nicht mehr erfüllen und damit gerät mehr als nur die Uhr aus dem Lot. Was ist, wenn die Zeit nicht mehr anschaubar ist, keine Orientierung mehr bietet, keinen Überblick mehr über vorher, nachher, hier und jetzt verschaffen kann?  Was geschieht, wenn mit der Uhr die Zeit aus den Fugen gerät und vielleicht sogar aufhört zu existieren, als physikalische Einheit, als philosophisches Phänomen und als psychologische Wahrnehmungsdimension? Herrscht dann Leere oder Chaos? In meiner Vorstellung zerfließen dann nicht nur die Dinge, wie die Uhren in Dalis Gemälde „Die zerrinnende Zeit“. Alles Sein verliert seine Struktur und seinen Sinn.
Dieses Haiku verbindet verschiedene, spezifische Bedeutungen des Zeitbegriffes mit der allen Existenzen und Erscheinungen übergeordneten Zeit. Die Zeit, die wir auf der einen Seite bestimmen können, uns anschaubar und zu Nutze machen können und der wir auf der anderen Seite ausgeliefert sind und die wir als vierte Dimension noch nicht so recht begriffen haben.
Der abstrakte Begriff der „Zeit“ wird den mechanischen, handwerklich konkret fassbaren Bestandteilen der Uhr, dem Rädchen und der Unruh, gegenübergestellt und so wird  durch den Kontrast zwischen anschaulicher, greifbarer Wirklichkeit und nicht dinglicher Wirklichkeit gleichzeitig ihre Verwobenheit deutlich.
Dieses Haiku ist eine in wenige Worte gefasste Momentaufnahme, die eine konkrete Begebenheit (kaputte Uhr)  in einen größeren Zusammenhang (Zeit) stellt und so einen Blick auf das Allumfassende zulässt.

 

 Ausgesucht und kommentiert von Peter Wißmann:

verlaten kruispunt

stoplichten regelen

de stilte

 

verlassene Kreuzung

Ampeln regeln

die Stille

 

Marian Poyck

 

Ein starkes Bild, das in diesem Haiku mit knappen 13 Silben beschworen wird. Eine Kreuzung, ich denke sie mir an einer Landstraße, an einem Sonntagmorgen, vielleicht einem Herbstmorgen. Leichter Nebeldunst, der die Wiesen rechts und links sowie die entlaubten Bäume im Hintergrund in Unschärfe taucht. Es ist still. Die friedliche Szene kommt ganz ohne menschliches Personal aus, und dennoch ist der Mensch in ihr präsent. Ampeln, von Menschen geschaffen und dort platziert, stehen an der Kreuzung und geben unaufhörlich grün, gelb und rote Zeichen. Sie regeln einen Verkehr, den es gar nicht gibt, oder, wie es im Haiku heißt: Sie regeln die Stille. Natürlich braucht die Stille keine Ampeln und selbstverständlich muss und kann sie gar nicht geregelt werden. Das Tun der Ampeln ist überflüssig und absurd. Es verweist auf den Menschen, der in Gestalt  seiner ‚Geschöpfe‘ – der Ampeln  – nicht damit aufhört dort etwas regeln zu wollen, wo es gar nichts zu regeln gibt. Es bedarf nur 7 Silben – ‚Ampeln regeln die Stille‘ – und einer kurzen Hinführung – ‚verlassene Kreuzung‘ – um dieses Bild und diese Assoziationen entstehen zu lassen. So sieht für mich ein gelungenes Haiku aus.

 

 

 

Die Auswahl

 

Krankenhausfenster,

nachts um halb drei kommt leise

der Mond zu Besuch.

 

            Johannes Ahne

 

 

da liegt die zeit

rädchen und unruh

aus dem gefüge

 

            Sylvia Bacher

 

 

im spinnennetz

verfangen – aufatmen –

nur eine feder

 

            Sylvia Bacher

 

 

zum regen musik

die scheibenwischer

nicht im takt

 

            Sylvia Bacher

 

 

Tango –

zwischen den Wangen

keine Lügen mehr

 

            Gerd Börner

 

 

Bergpfad

Ein Stein kollert

hinab zu den Wolken

 

            Reiner Bonack

 

 

kernspintermin

im goldenen blatt besiegen

sie wieder den krebs

 

            Ralf Bröker

 

 

Der Tag bricht an –

ich öffne die Tür

gegen den Wind

Horst-Oliver Buchholz

 

 

Gutenachtlied –

die Erde wiegt sich

tiefer und tiefer ins Blau

 

            Frank Dietrich

 

 

nach dem Feuerwerk

das Feuerwerk

der Sterne

 

            Frank Dietrich

 

 

Wechseljahre –

in leere Nester

fällt Schnee

 

            Frank Dietrich

 

 

spätes Rendezvous –

der Kater leckt sich

Glanz ins Fell

 

            Gerda Förster

 

 

Wegfahrsperre

zwischen Rad und Kotflügel

ein Spinnennetz

 

            Hans-Jürgen Göhrung

 

 

Amselgesang

frühmorgens auf dem Dachfirst –

der schwarze Muezzin

 

            Erika Hannig

 

 

Morgenregen –

vom Bambus tropft

die Sonntagsstille

 

            Erika Hannig

 

 

Erntedankfest

er arbeitet weiter …

der Sichelmann

 

Angelika Holweger

 

 

kuhwarme Milch

eine Kanne voll

zerbeulter Geschichten

 

            Ilse Jacobson

 

 

Klammer Morgendunst.

Nacktschnecken auf dem Weg zur

Halle des Buddha

 

            Markus Jansen

 

 

alter Biergarten –

über die Mauer weht

Weißer Holunder

 

            Silvia Kempen

 

 

am Ende des Tages

der Duft

eines Limettenblattes

 

            Eva Limbach

 

 

Morgenstille

nur einen Hahnenschrei     entfernt

 

            Eva Limbach

 

 

getrennt

der sternenhimmel

löst sich auf

 

            Ramona Linke

 

 

Viren-Schnelltest –

die Wirklichkeit

wechselt die Farbe

 

            Ramona Linke

 

 

Zwanzig Kilogramm

pro Woche abnehmen

Zwetschgenernte

 

            Dietmar Näscher

 

 

Herbst

Das Jahr bekommt

Altersflecken

 

            Eleonore Nickolay

 

 

verlaten kruispunt

stoplichten regelen

de stilte

 

verlassene Kreuzung

Ampeln regeln

die Stille

 

            Marian Poyck

 

 

Erste Schneeflocken

zergehen auf den Zungen

wie auf dem Asphalt.

 

            Wolfgang Rödig

 

 

Besuch im Heim.

Sie erzählt den Kindern

ein fremdes Leben

 

            Boris Semrow

 

 

Flohmarkt

ausgebreitet vor mir

meine Jugend

 

            Boris Semrow

 

 

Englischer Rasen

Bienen suchen vergebens

die Wiese von einst

 

            Monika Smollich

 

 

Herbstnachmittag

in den Lücken des Windes

Mutters Stimme

 

            Dietmar Tauchner

 

 

irgendwann nachts

werden meine Gedanken

zu Grillengesang

 

            Dietmar Tauchner

 

 

erster Herbststurm

ich lege mein Fahrrad

an die Kette

 

            Elisabeth Weber-Strobel

 

 

fremde Klänge

aus dem Haus abseits

das keiner kaufen wollte

 

            Elisabeth Weber-Strobel

 

 

Schreibblockade

selbst in Delphie

nur Zikaden

 

            Elisabeth Weber-Strobel

 

 

… führen nie

durch Frühling oder Herbst

U-Bahn-Schienen

 

            Klaus-Dieter Wirth

 

 

„Schicksalssymphonie“

vom Sitzplatz nebenan

Mottenkugelduft

 

            Klaus-Dieter Wirth

 

 

Nach der Flut.

Wieder Omas Häuschen

renovieren. –

Keiner von uns wird

jemals hier leben.

 

            Tony Böhle

 

 

Um zwei mit dir

im Café verabredet,

stell‘ ich meine

Uhr zehn Minuten zurück. –

Ja, für mich bist du perfekt!

 

            Tony Böhle

 

 

die Sonnenblumen

begleiten den Nachtzug

sich verbeugend

mit offenen Augen

treten wir in die Nacht ein

 

            Dragan J. Ristic

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