NRW-Treffen 2010

Fotos: Brigitte Reuther
Balancieren die Worte
Das zweite Haiku-Treffen NRW in Schermbeck. Eine Nachbetrachtung von Ralf Bröker
Den Winter habe dieser Spaziergang aus ihren Knochen vertrieben, sagt die Dame. Der Herr neben ihr behauptet, das seien niemals die angekündigten sieben Kilometer gewesen. Sondern zehn. Die beiden und 16 weitere Teilnehmer des zweiten "Haiku NRW" sind gerade aus dem Dämmerwald zurückgekehrt, haben den beginnenden Niederrhein-Frühling in Schermbeck erahnt, mal konterkariert, mal verherrlicht im Licht der Werke bekannter und unbekannter Dichter. Jetzt aber gibt es Kaffee und Kuchen in der Sonne vor der Volksbank, in deren Sitzungssaal gleich das Kukai stattfinden wird. Geleitet von Klaus-Dieter Wirth.
Die Haiku zum Thema Wein sind anonymisiert, die Wertungsbögen ausgegeben. Schnell finden die einen ihre Favoriten, die anderen wollen länger brauchen. So mancher hängt den Erinnerungen an den späten Vormittag nach, an die Zeit vor dem Haiku-Spaziergang. Jeder hatte sich und seinen mitgebrachten Wein vorgestellt. Ein Wiedersehen hier, endlich ein lebender Mensch zum oft gelesenen Namen dort.
Es ist soweit. Klaus-Dieter Wirth zählt und rechnet. Und ist mit dem Ergebnis der Kukai-Runde sehr zufrieden. Denn seine Top drei sind unter den besten Vier. Aber das weiß noch niemand. Denn jetzt wird erst einmal jedes Wein-Haiku engagiert interpretiert und kommentiert. Erst dann erfahren alle, wer es geschrieben hat.
Frühmesse
Der Widerschein des Weines
in seinen Augen
Malvasia –
noch einmal die Glut
des Lavasands spüren …
rote Lippen
die Kellnerin entkorkt
den Sonnenuntergang
Roter Wein
auf ihren Lippen
balancieren die Worte
Die, die bleiben nach dem Kukai und die Tropfen probieren, haben fast alle ihr Bett in dieser Nacht im nahen Hotel. Sie ahnen, wie wenig Schlaf sie bekommen werden. Denn drei Zeilen - mehr oder weniger - lassen Menschen zusammenrücken.
