In memoriam Ruth Franke
1932 -2011
Ruth Franke lebte bei Freiburg und beschäftigte sich seit 30 Jahren mit Haiku und Ikebana. Ihre Texte wurden in Anthologien, Haiku-Magazinen und auf internationalen Websites veröffentlicht. Sie ist vertreten in der Autoren-Präsentation der World Haiku Society.
2002 erschien im Mafora Verlag „Lapislazuli" (Haiku),
2010 dann im Wiesenburg-Verlag „Schwerelos gleiten – Slipping through the Water“ (Haibun englisch/deutsch).
Ferien-Ende
im rauhen Seewind schwingen
die leeren Schaukeln
Alter Mühlenhof
vor dem Misthaufen
20 Harley Davidson
Blätter schweben
im Abendlicht - wie schwer
so leicht zu sein
Ein Nachruf von Georges Hartmann
Wenn sich die Gedanken im Kreis drehen und der Trübsinn eine Aufhellung nötig hat oder die Stimmung mal gerade im Keller nachschaut, ob nicht noch ein paar geeignete Depressionen für das „Kopf-Kino“ im Regal herum liegen, hole ich oft jenes Bild aus der Schublade, auf dem eine herzhaft lachende Frau zwischen zwei Kerlen thront (Fitterer und Hartmann), die irgendwie so aussehen, als wären sie völlig durch den Wind. Es ist ein Foto, das immer dann her halten muss, wenn ich dringend eine größere Dosis Trost benötige. Das Betrachten des Schnappschusses entlockt mir wie immer ein Grinsen, das diesmal jedoch keine aufmunternde Wirkung erzielt, eher meine Verlegenheit dokumentiert und mir im Gegenteil die Augen unter Wasser setzt. Vor mir liegt die Nachricht, dass Ruth-Ingeborg Franke am 14. April „in aller Ruhe und ganz schwerelos eingeschlafen ist“.
„Ach Ruth“, höre ich mich murmeln, halte mit dem Foto stumme Zwiesprache und erkenne, dass ich kein guter Chronist bin, der jetzt alles aufzählen könnte, was Deine Leidenschaft um das Haiku und später auch das Haibun ausgemacht hat. Du warst fasziniert von dieser Art zu schreiben, hast dich ständig damit auseinander gesetzt und deine Erkenntnisse in zahlreiche Essays einfließen lassen. Du hattest viel über die englische wie amerikanische Haiku-Welt zu berichten, warst im ständigen Kontakt mit den Großen dieser Szene und auch dort eine anerkannte Persönlichkeit. Aber du hast es nicht mit der literaturwissenschaftlichen Seite dieses Genres bewenden lassen, sondern selbst auch zwei Bücher geschrieben , die unter Beweis stellen, dass du neben der Freude am Theoretischen auch die Praxis fest im Griff hattest. Was ich am meisten bewundert habe war jedoch etwas völlig anderes. Es war der Umgang mit der dich ständig belastenden rheumatischen Erkrankung (Sjörgen Syndrom), die dir alles, aber auch wirklich alles abgefordert und dich Jahr um Jahr immer mehr eingeschränkt hat. Deine Art, dieser Erkrankung immer wieder nahezu klaglos die Stirn zu bieten, ist die von mir am höchsten bewertete Leistung. Du warst Ansprechpartnerin für all jene, die ebenfalls von dieser Krankheit betroffen sind und hast Deine Erfahrungen mit dieser Krankheit ins Internet gestellt. Deine Art, dem Schmerz in Demut die Stirn zu bieten, hat für mich Vorbildcharakter ...
Obwohl wir nicht wirklich wissen, was nach dem Grenzübergang zur Ewigkeit geschehen wird, wir Menschen uns in der Regel aber unverzagt hoffnungsfroh geben, versinke ich noch einmal in Deinem so strahlenden Lachen, das mir jetzt signalisieren will, mich nicht so anzustellen und auf deinen Dieter zu hören, der das Wort „TrauerFeier“ für sich neu entdeckt und auf seine Weise interpretiert hat.
Uns allen zum Trost, unterschreibe ich mit deinem hoffentlich nicht nur mir Mut machenden Haiku:
Im Nebel leben
und wissen
oben ist Sonne
lautlos
verlässt das Blatt den Baum
voller Farben
Wildblumenwiese
aus der Ferne
Salomons Lied
Letztes Glasen ...
in Gold getaucht die
Reede von Macau
nach dem Segen - Stille
das Holz der Balustrade
gerissen
tau-schwer das Gras –
alle Schritte im Rasen
sprechen von Taten
Nachtwind...
Kirschblüten säumen
den Weg nach Hause
Wonnemonat Mai -
zwischen leeren Heftseiten
die lange Reise.
heute sah ich dich
zwischen gehen und bleiben
noch schwankend - e i l e n
Abschied -
als der Tropfen sich löst
erbebt der Grashalm
Abendwind –
zum Lied der Amsel
das Mobile
dir nachgerufen
die Welt in einem Atemzug
für mich entdeckt
Frühlingsende
eine Schwalbe
zieht in ein luftiges Nest
nebel liegt
überm tal – der klang von
kirchglocken
ewiges sterben
ewiges leben
ihr tod
unser abschiedsschmerz
Haikukennerin,
sie verliess uns im Fruehling.
Mit welchem Gleichmut.
Zur Auferstehung
ist sie freiweg verschieden.
Welch Haijinfeier!
